Montag, 31. März 2025

Dead Can Dance - Within The Realm Of A Dying Sun

Was Brendan Perry und Lisa Gerrard auf ihrem dritten Album veranstalten, ist in seiner Gesamtheit nicht nur eines der bis heute am besten produzierten Musikalben, sondern auch der überragende schwarze Monolith der Gothic- und Wave-Bewegung der Achtzigerjahre sowie eines der klanglich präzisesten und ambitioniertesten Werke der populären Musikgeschichte. "Within the Realm of a Dying Sun" verkörpert Anmut und Eleganz, ein Eintreten in einen sakralen Klangsaal, geprägt von erhabener Formschönheit und einer greifbaren Melancholie. Es ist mehr ein ästhetisches Empfinden als ein einfaches Musikalbum. Die grenzauflösenden Kompositionen zeichnen sich durch orchestrale Arrangements, gregorianisch anmutende Chöre und eine Instrumentierung aus, die sowohl klassisch als auch zeitlos wirkt. Eine kraftvolle Soundarmee aus Timpani, Posaunen, epischen Bläsern, eindringlichen Glocken, sorgfältig eingesetzter Percussion und mitreißenden Streichern zieht einen in ihren Bann. Perry und Gerrard verstehen es wie auf keinem vorherigen oder nachfolgenden Album, meisterhafte Komplexität aus Weltmusik, mittelalterlichen Klängen und Ambient miteinander zu verweben. "Within the Realm of a Dying Sun" ist die Vollkommenheit, die ästhetische Perfektion und die Vollendung dieser musikalischen Traumweberei, die seit 1987 makellos geblieben ist und weiterhin zu den ersten Referenzen in Sachen Sound, Klang, Produktion und Ästhetik zählt.

Die erste Hälfte des Albums, dominiert von Brendan Perrys eleganter, baritonaler Stimme und seiner lyrischen Eleganz, wirkt wie ein feierliches Requiem. Soundgewänder wie 'Anywhere Out of the World' und das epochale 'Xavier' mit seiner kosmosumgreifenden Größe tragen eine schwere, fast apokalyptische Atmosphäre. Diese wird durch Perrys klagenden, aber stets warmen und seelenfangenden Gesang sowie durch dichte Orchestrierungen aus Trompeten, Spinett und vielen weiteren Zauberhandinstrumenten verstärkt. Ab 'Dawn of the Iconoclast' mit seinen dramatischen Bläsern und donnernden Pauken, spätestens bei 'Cantara', wenn Lisa Gerrards unvergleichliche Stimme das Kommando der Engel übernimmt, wird deutlich, dass dieses Album strikt in zwei Hälften aufgeteilt ist. Die erste Hälfte ist geerdet, die zweite himmelwärts strebend.

In der zweiten Hälfte, in der Gerrard mit ihrer engelsgleichen, fast außerweltlichen Stimme brilliert, erreicht die Musik Momente von übersinnlicher Schönheit. 'Summoning of the Muse' und das abschließende 'Persephone (The Gathering of Flowers)' scheinen direkt aus einem anderen Existenzraum zu stammen. Gerrards Gesang, der keine Worte, sondern reine Emotionen transportiert, hebt die Musik in Sphären, die nicht auf menschlicher Schöpfung basieren. Alles auf "Within the Realm of a Dying Sun" – jeder noch so "unbedeutende" Ton, jedes Instrument, jede Stimme – hat Raum zum Atmen und gleichzeitig eine überwältigende Präsenz, die bis zur Veröffentlichung im Jahr 1987 nie dagewesen war.

"Within the Realm of a Dying Sun" ist ein monumentales Album, in das man sich verlieren möchte und das sich jeder einfachen Kategorisierung verwehrt. Es ist gleichermaßen düster und erhebend, ruhig und explosiv aufwühlend. Ein Werk, das nach fast vier Jahrzehnten nichts von seiner einzigartigen Wirkung, seiner Klarheit, seiner gewaltigen Dynamik und akustischen Monumentalität eingebüßt hat und zu den wenigen Alben gehört, die der Perfektion am nächsten kommen.

Ein majestätisches Zeugnis musikalischer Perfektion, in dem Technik, Emotion und Vision zu einem emotional entladenden Werk verschmelzen. Alles daran – von der Instrumentierung über das Songwriting bis hin zur Produktion und Atmosphäre – ist so überwältigend und erhaben, dass es für mich bis heute nichts Vergleichbares gibt. Verurteilt zum lebenslänglichen Top 10-Album.


Sonntag, 30. März 2025

Nudeswirl - Nudeswirl


Die Band um den charismatischen Sänger und Gitarrist Shane M. Green verstrickte 1993, in einer Zeit, in der die Grenzen des Alternative Rock noch nicht in kommerziellen Standards erstickt waren, auf ihrem unterschätzten zweiten Werk Elemente von düsterem Psychedelic, Grunge und klassischem Alternative Rock zu einem dunklen, drückenden Klangbild, ohne dabei in die obligatorischen Fallen der jeweiligen Genres zu trampeln. Die Band begnügt sich auf diesem leidenschaftlichen und mutigen Album nicht mit einfacher Konsumierbarkeit, sondern erschafft eine unheimlich dichte, von rauer Energie getriebene Atmosphäre, die in einen herrlich ungeschliffenen Charme eingebettet ist.
Diese durchweg hypnotische Energie, bei der schwerfällige Gitarrenriffs mit treibenden Rhythmen und melancholischem Gesang verschmelzen, entfaltet sich vollständig in Wundertaten wie 'Sooner Or Later', 'Buffalo', 'F-Sharp' oder 'Potato Trip', die mit einem wuchtigen, beinahe grungigen Ansatz nach vorne preschen. Die Band beherrscht auf diesem Album mit meisterlichem Geschick die Balance zwischen krachender Lautstärke und eindringlicher Melodie, zeigt dabei aber auch eine stark ausgeprägte introspektive Seite. In Songs wie 'Disappear' oder 'Now Nothing' erzeugt das Quartett ein Spannungsfeld zwischen roher Intensität und beinahe filigraner Gelassenheit. Dieses geschickte Spiel mit Kontrasten betont die vorherrschende emotionale Schwere des Albums. Leider hat die Band nie die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdient hätte - dabei ist "Nudeswirl" ein faszinierendes, bescheidenes und bodenständiges, aber zugleich auch kraftvolles Album, das ein fesselndes, dunkles, psychedelisches Abenteuer bietet und sich inmitten des Grunge-Booms völlig danebenbenimmt.

Mittwoch, 26. März 2025

UK Decay - For Madmen Only


UK Decay, die zu den wegweisenden Bands der britischen Gothic Punk-Szene gehören, gelang es auf ihrem Debütalbum "For Madmen Only", die düstere Energie des Post Punk in eine neue, noch unerforschte akustische Szenerie zu katapultieren. Die Engländer würzten ihren chaotischen und grotesken Sound mit der rohen Intensität des Punk und einer dunklen, theatralischen Atmosphäre, die auf unheilvolle Weise stets faszinierend bleibt. Der klagende Gesang von Steve Abbott und die stark kantige, bedrohliche Gitarrenarbeit von Steve Spon erzeugen eine unentrinnbare Spannung. Die Songs sind anarchistische Skizzen voller Unruhe und Wut, die sich in Kompositionen wie "Battle of the Elements" oder "Sexual" entladen. Besonders das brodelnde "Stage Struck" versprüht mit seinem scharfen Kriegstrommelrhythmus, dem omnipräsenten, röhrenden Monsterbass aus der Unterwelt und den unheilbringenden Melodien einen morbiden Reiz.
Die Band reizt ihr Geschick auf dem Album maßlos aus und zeigt eine verblüffende Fähigkeit, Chaos, klaustrophobische Songstrukturen und eine aggressive, düstere Ästhetik zu einem fast hypnotischen Gleichklang zu vereinen. "For Madmen Only" war ein bereits für die damalige Zeit unangenehm schroffes Album mit einer durch und durch dunklen Weltanschauung - zu keiner Sekunde wird hier der Wahnsinn verborgen, sondern gefeiert.

Freitag, 21. März 2025

Impetigo - Ultimo Mondo Cannibale

Das Debüt der amerikanischen Goregrind-Pioniere ist ein schlammiger, stinkender Sumpf aus Grind, Death Metal, purer Punk-Leibhaftigkeit und morbider Splatterfilm-Ästhetik. Es bietet ein herrlich verschimmeltes Festmahl der kranken und obskuren musikalischen Entwicklung des jungen, blutspritzenden Genres Anfang der Neunziger. Der Albumtitel, unübersehbar von italienischen Kannibalenfilmen inspiriert, deutet nicht nur an, was während der einzigartigen, charmanten Gräueltat 38 Minuten an moralischen Verfehlungen geschieht; er ist auch eine echte Folter für die Ohren und jeden guten Geschmack. Mit lächerlich überzogener Horrortheatralik und so grobkörnigem Metal könnte dieses Klassiker-Werk das ironischste und vor Parodie förmlich explodierende sein, das ich in 30 Jahren kennengelernt habe.

Glücklicherweise hat es mir ein Kumpel Mitte der Neunziger grinsend untergeschoben. Vermutlich wollte er mich damit ärgern oder nerven, doch ich war bereits nach den ersten Sekunden des zweiten Songs 'Dis-Organ-ized' sofort verknallt – in ALLES. Auf dem Album gibt es zwei Musiker von absolutem Weltstarniveau, die sofort herausstechen, selbst wenn man völlig angewidert vor dem Krach panisch die Flucht ergreift.

Ungeheuer Stevo Dobbins, der hier als völlig verstrahlter und bis unter die Schädeldecke zugekiffter Ghul durch blutige Todesschiss-Fäkalien stapft, liefert mit seiner bis heute unerreichten, genredefinierenden Meisterklasse aus tiefen, gurgelnden Tönen und völlig verrückten, schrägen, hohen spratzenden Auswürfen verzückende Halitosis-Vocals, die bereits 1990 unumkehrbar als Genre-Höhepunkt gelten. Der zweite Darmsauger ist Dan Malin am Schlagzeug. Meine Fresse, ist das ein Tier. Selten bis gar nicht gab es wieder so einen kreativen Schlagzeuger in diesem Genre, der so permanent in einer Lache aus Groove, Punkgeknüppel und verstecktem "Ich kann tatsächlich dieses Instrument richtig spielen" agiert. Hier wird aus dem Instrument einzig das herausgeprügelt, wofür es da ist.

Die restlichen Leichenmaden schaffen mit ihren schleppenden Death Metal-Riffs und plötzlich einsetzenden Grindcore-Attacken eine Atmosphäre, die so rau ist wie ein dreckiger Schlachthausboden. Das Album ist durchsetzt mit Samples aus klassischen Horror- und Exploitation-Filmen, die die krankhafte Stimmung perfekt ergänzen. Wunderbare, amoröse Balladen wie 'Dis-Organ-ized', 'Revenge of the Scabby Man', 'Jane Fonda Sucks, Part 2' oder 'Bitch Death Teenage Mucous Monster from Hell' überzeugen nicht nur durch ihre absurden Titel, sondern auch mit grotesk unterhaltsamen Textinhalten. Ein irrwitziges Durcheinander von schleppenden Doom-Momenten bis zu blitzschnellen Grind-Ausbrüchen; Humor und blutiger Ernst sowie eine morbide Lo-Fi-Ästhetik – eine aus Eingeweiden zusammengehaltene Spaßschlachtung.

"Ultimo Mondo Cannibale" ist für mich nach wie vor das charmanteste und ungehobelteste Stück extremer Musikgeschichte. Absolut nichts für audiophile Feingeister, aber vielleicht die größte jugendliche Überdosis musikalischen Wahnsinns, die man sich direkt in die Venen injizieren kann und die jemals aus einer mit Fleischerhaken verzierten Garage in Illinois gerollt ist.

Donnerstag, 20. März 2025

Front 242 - Tyranny For You


Die EBM-Pioniere lieferten auf ihrem erfolgreichsten Album eine pulsierende Flut aus hypnotischen, schneidenden Rhythmen; laute, intensive Industrial-Ästhetik verschmilzt hier mit tanzbarer Energie und entfaltet sich gleichzeitig als Sturmangriff auf die Sinne. Front 242 konzentrierten sich hier auf ihre unerbittliche Präzision und schufen mit lebendigen Beats, martialischen Samples und düsteren Synthesizer-Flächen eine beklemmende Soundwelt.
Für 1991 war "Tyranny >For You<" ein akustischer Weckruf, der einen unmissverständlich in einen Strudel aus Klang und Chaos hineinzieht. Die Belgier beweisen eindrucksvoll ihre Fähigkeit, harte EBM mit unwiderstehlichen Hooks zu vereinen. Das Album gleicht vorrangig einem brutal verstörenden und zermürbenden Tanzflächendominator, beherrscht von bleischweren Beats, eindringlichen Vocals und getrieben von einem mechanischen Puls, der wie der Soundtrack einer stark bedrohlichen Fabrik anmutet. "Tyranny >For You<" bietet aber auch subtilere Momente, in denen minimalistischere Klangkulissen erkundet werden, ohne die charakteristische Härte zu verlieren. "Gefährlich" kalt, präzise und kompromisslos ist das Album produziert; klinisch perfekt durchgestylt, aber stets in perfekter Balance, wodurch es hervorragend mit der düsteren Thematik harmoniert.
Die dazu passenden Texte, oft kryptisch und zerrissen, reflektieren Themen wie Überwachung, Kontrolle und die Entfremdung im technologischen Zeitalter. Front 242 waren auf diesem Album Architekten eines akustischen Gesamtkonzepts, das bereits 1991 einen kritischen Blick auf die moderne Welt warf und die verstörende Atmosphäre des Albums noch verstärkte.

Dienstag, 18. März 2025

T.S.O.L. - Change Today?


Mit "Change Today?" vollzogen T.S.O.L. (True Sounds of Liberty) einen mutigen Schritt weg vom anarchischen Hardcore Punk ihrer Anfangstage hin zu einem düsteren, melodischeren Post Punk-Sound. Herausgekommen ist ein Album, das gleichermaßen kraftvoll und atmosphärisch wirkt - ein mitreißendes Spannungsfeld zwischen trübem Pathos und rebellischer Energie. Mit den ersten Tönen von "Blackmagic" wird direkt klar, dass sich die Band weiterentwickelt hat. Die treibenden Rhythmen und die kühle, melancholische Gitarrenarbeit erinnern an die aufkommende Deathrock-Szene, während Joe Wood, der hier als neuer Sänger seinen Vorgänger Jack Grisham ablöst, mit seinem charismatischen, rauen und zugleich melodischen Gesang eine neue Duftnote in den Bandsound einbringt. Gleichzeitig bleibt "Change Today?" seiner punkigen DNA treu - die ungezähmte Wildheit der frühen Jahre ist immer noch spürbar. Es wird weiterhin ein schroffer Punk-Drive verfolgt, aber mit einer entwickelten musikalischen Reife, die nun die Band auszeichnet. Das Zusammenspiel von düsteren Klängen und ungestümer Punk-Energie lässt "Change Today?" zu einem einzigartigen Werk reifen, das damals vieles bereits vorwegnahm, was in den Bereichen Deathrock, Gothic Rock, Post Punk & Co. in den folgenden Jahren explodieren sollte. Dass ihr Klassiker "Dance With Me" in seiner allumfassenden Durchschlagskraft nicht ganz erreicht wird (wie auch - wenn man seinen Sound konsequent weiterentwickelt?) und auch keinen großen Überwältigungseffekt auffährt wie beim zweiten experimentellen Keyboard-"Pomp"-Werk "Beneath the Shadows", stört anhand des geschickten und treibenden Songwritings zu keiner Sekunde. "Change Today?" markiert auch einen entscheidenden Wendepunkt in der Karriere von T.S.O.L. und gilt nicht zu Unrecht als ein (leider oft übersehenes) Juwel in der Geschichte des Post Punk und Deathrock.

Sonntag, 16. März 2025

Cop Shoot Cop - Ask Questions Later


"Ask Questions Later" ist ein herrlich gegen den Strich gebürstetes Werk – ein wilder, unvorhersehbarer und bizarrer Mix aus No Wave, Tom Waits-artigen, schrulligen Kapriolen und düsterem Alternative Rock. Cop Shoot Cop, diese zynische Noise Rock-Formation aus New York, die in den 90ern viel zu lässig für die breite Masse war, entzog sich gekonnt allen Konventionen. Gitarren? Die brauchten sie erst gar nicht. Zwei bewaffnete Bassisten, geschickt eingesetzte Samples und eine Trompete erledigten die Arbeit ebenso gut. Das Ergebnis ist eine rohe, ungestüme Energie, die ohne Umwege direkt ins Ohr und ins matschige Hirn schießt und mit ihrer bissigen Haltung sowie einer beeindruckenden instrumentalen Kargheit nachwirkt. Ein schwerfälliger Sound voller industrieller Heftigkeit breitet sich im Eröffnungssong 'Surprise, Surprise' wie ein Reaktorunfall aus – bedrohlich, seelenfressend und ständig am eigenen, aberwitzigen Groove zu ersticken drohend. Die Band hat es sogar mühelos geschafft, einen Hit auf diesem ansonsten fiesen, teerschwarzen und zynischen Album zu platzieren. 'Room 429' (das übrigens von Strapping Young Lad auf ihrem Album "City" gecovert wurde) ist eine der eindringlichsten Anti-Hymnen der 90er und bietet eine großartige Melange aus post-apokalyptischem Rock und melancholischem Nihilismus. Tod Ashley liefert auf dem Album perfekt zynische Lyrik mit einer bitterbösen Feder. Seine Texte strotzen vor Sarkasmus und Gesellschaftskritik, ohne jemals ins Banale abzurutschen – Cop Shoot Cop halten ihrer Umwelt einen Spiegel vor, der alles andere als schmeichelhaft ist. "Ask Questions Later" ist ein anarchistisches Klangchaos mit Tiefgang, das Grenzen vernichtet und einen bleibenden Einschlagkrater in den 90ern hinterlassen hat. Es besitzt diese einzigartige, rohe und unerbittliche Ästhetik, die sich in vielen Alben jenseits der bekannten Größen in den Wut- und Verzweiflungssound der Neunziger eingeschlichen hat. Ein großes Lieblingswerk von mir mit einer klaren Botschaft: Fragt nicht zu viel. Hört einfach hin.

Sonntag, 9. März 2025

XTC - Black Sea


XTC erreichten 1980 mit "Black Sea" einen vorläufigen künstlerischen Höhepunkt, der die Gratwanderung zwischen ihrem extravaganten Post Punk bzw. New Wave-Ursprung und einer gereiften, melodischeren Rock-Ästhetik meisterhaft einfing. Die inoffiziellen Beatles-Nachkommen präsentieren sich auf ihrem vierten Album mit all ihren kreativen Kräften und lieferten ein Werk ab, das sowohl konzeptionell anspruchsvoll als auch unverfroren eingängig ist. Der Opener 'Respectable Street' packt einen bereits mit bissigen Texten und einem unwiderstehlichen Gitarrenriff - ein typisches Beispiel für Andy Partridges Fähigkeit, Gesellschaftskritik in mitreißende Melodien zu verpacken. Partridges scharfsinniger Humor und seine Vorliebe für schräge Perspektiven durchziehen das gesamte Album und machen es zu einem lyrischen wie musikalischen Geniestreich. Die rhythmische Drum-Präzision von Terry Chambers und die verspielten Bassläufe von Colin Moulding verleihen "Black Sea" eine für die damalige Zeit bemerkenswert ausgereifte klangliche Tiefe. XTC lösen sich auf dem Album von konventionellen Songstrukturen und bleiben, dank ihres musikalischen Könnens, über die gesamte Spielzeit dennoch zugänglich. "Black Sea" ist ein fantasievolles, intellektuell kraftvolles und verspieltes Werk, das zu den wichtigsten Alben zählt, die den Übergang von Punk zu New Wave mitgestaltet haben. Gleichzeitig vereint es Popmusik mit Anspruch und Vergnügen auf eine seltene und großartige Weise.

Freitag, 7. März 2025

Orchestral Manoeuvres in the Dark - Dazzle Ships


Der Name Orchestral Manoeuvres in the Dark wird in Synthpop-Kreisen mit Ehrfurcht ausgesprochen. "Dazzle Ships" gilt als das experimentellste Werk der Band; eine Kostbarkeit der Achtzigerjahre-Avantgarde, das jedoch nie die populäre Anerkennung von Alben wie "Architecture & Morality" oder "Organisation" erreichte. "Dazzle Ships" besitzt eine Faszination, die bereits mit den ersten Takten von 'Radio Prague' spürbar ist. Die verzerrten Radiowellen und die mechanisch-kühlen Klänge erzeugen ein Gefühl, als würde man in eine gesellschaftlich zerbrochene und totalitäre Zukunft eintauchen. Es sind keine typischen Eröffnungsklänge, sondern das Auftaktstück zu einer Reise in eine seltsam fremde, fragmentierte Welt, die OMD mit "Dazzle Ships" erschaffen haben. Noch bevor man richtig eintaucht, ist man gefangen in einer rätselhaften Klangcollage, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet.

Mit 'Genetic Engineering' setzen die elektrischen Synth-Wellen ein, während eine distanziert-mechanische Stimme die Veränderung durch Wissenschaft besingt. Der Song wirkt bedrohlich in seiner Kälte und der strengen, präzisen Struktur, und doch liegt unter der Oberfläche etwas zutiefst Menschliches, etwas Verzweifeltes. Elektronische Geräusche, pochende Beats und Synthie-Sequenzen verbinden sich zu einer undurchdringlichen Klangwand, während Andy McCluskeys unverkennbare Stimme einen emotionalen Kontrapunkt setzt.

So ungewohnt der Sound von "Dazzle Ships" zu Beginn auch erscheinen mag, so sehr offenbaren sich im weiteren Verlauf des Albums immer mehr Nuancen und Details. "Dazzle Ships" ist außergewöhnlich – es ist kein leicht zugängliches Pop-Album, sondern ein Puzzle aus Störgeräuschen, Radiowellen und mechanischen Rhythmen, das sich schrittweise entfaltet. Der von Maschinen beherrschte Sound ist kühl und distanziert; gleichzeitig unglaublich intensiv und fesselnd. Humphreys, Holmes, McCluskey und Cooper spielen mit einer solch präzisen technokratischen Härte, dass man stets das Gefühl hat, sie hätten die Kontrolle über jede kleinste Frequenz. Die Arrangements auf "Dazzle Ships" sind mit chirurgischer Präzision konstruiert, und doch wirken sie nie nüchtern.

In 'Telegraph' wird das Dissonante zum Ästhetischen erhoben – der Synthie-Klangteppich dehnt sich massiv aus; gleichzeitig reißt das stakkatoartige Drumming von Malcolm Holmes einen aus jeder Form von Komfort. Und doch ist es der zugänglichste Song auf dem gesamten Album. Er wirkt im Kontrast zu den experimentellen Soundcollagen fast wie eine Verschnaufpause. Dabei war es zur damaligen Zeit sicherlich ein Schock, wie mutig OMD sich vom eingängigen Synthpop ihrer Vorgängeralben entfernten. Wo waren plötzlich die zugänglichen Hits, die romantischen Hymnen von "Architecture & Morality" geblieben? Stattdessen erheben sich hier Maschinenstimmen, wie in 'ABC Auto-Industry', und werfen einen in eine fremde, dehumanisierte Klangwelt. Doch unter dieser harten Oberfläche brodelt es und zeigt eine faszinierende Ambivalenz.

'International' hebt das Album in der Mitte auf eine andere Ebene – hier breitet sich ein bittersüßer Synthie-Walzer aus; eine nahezu perfekte Verschmelzung von futuristischer Kälte und menschlicher Wärme. Der Song beginnt fast meditativ, doch die Synthie-Wellen schwingen bald in eine fast schmerzliche Melodie um, die einen unweigerlich in ihren Bann zieht. Die Schönheit dieser Melodie steht im krassen Gegensatz zu den kargen, distanzierten Klängen, die das Album dominieren, und macht den Song zu einem der emotionalen Höhepunkte von "Dazzle Ships". Auch hier bleibt die Kälte immer spürbar, die sich durch das gesamte Album zieht wie ein unnachgiebiger roter Faden.

Im Vergleich zu den vorherigen Alben wirkt "Dazzle Ships" wie ein Ausreißer, ein Experiment, das weit über den typischen Synthpop hinausgeht. Die Band setzt hier auf Desorientierung, gebrochene Strukturen und verfremdete Sounds, die einem nichts schenken, sondern einen herausfordern, das Unbekannte zu umarmen. Besonders 'ABC Auto-Industry' illustriert dies geschickt. Die monotone Stimme, die kalt und distanziert über industrielle Prozesse spricht, gepaart mit kaskadierenden Synthie-Schleifen, erzeugt ein unheilvolles Gefühl der Entfremdung, das durch den unaufhaltsamen Rhythmus noch verstärkt wird. Ein Song, der das Wesen der Moderne einfängt – kalt, unbarmherzig; und doch faszinierend in seiner ästhetischen Schönheit.

Mit "Dazzle Ships" haben OMD etwas geschaffen, das nicht nur mit seiner experimentellen Natur überrascht, sondern das auch auf eine verstörend schöne Weise zeitlos klingt. Es ist ein Werk, das sich jeder einfachen Kategorisierung widersetzt; gleichzeitig jedoch die Essenz der Band einfängt – den Drang, Neues zu schaffen, Grenzen zu überschreiten und Klangräume zu erkunden.

Die Rückkehr zum Pop, den man von OMD damals erwartet hätte, blieb gänzlich aus. Stattdessen vertieften sie sich in die Dekonstruktion von Klang, wie im Titelsong 'Dazzle Ships (Parts II, III & VII)', der nicht nur einschüchtert, sondern eine verstörende Faszination entfaltet – als ob man durch die Augen eines Maschinengeistes auf die menschliche Existenz blickt. Was ein Klang.

"Dazzle Ships" ist kein einfaches Album, kein Werk, das sich sofort erschließt. In dieser Unzugänglichkeit liegt genau seine Größe. In den frühen Achtzigern, in denen Synthpop eher auf Gefälligkeit und Melodien setzte, ist "Dazzle Ships" vielleicht das mutigste Statement aus diesem Bereich; ein experimentelles Werk, das seiner Zeit sehr weit voraus war. Ein intensives Meisterwerk, das auch über 40 Jahre später nichts von seinem Zauber und seiner visionären Größe verloren hat.