Sonntag, 9. November 2025
Voivod - Phobos
Voivod haben sich 1997 mit "Phobos" mit beängstigender Konsequenz von jeder konventionellen Vorstellung von Metalmusik entfernt, und dennoch sind sie ganz bei sich selbst geblieben. Es ist das Werk einer Band, die sich längst von gewöhnlichen Maßstäben gelöst hat; ein klangliches Monstrum, geboren ebenso aus dem Geist industrieller Zersetzung wie aus der zerklüfteten Tektonik des Thrash, erstarrt in einer atmosphärischen Dichte, die beängstigend erdrückend wirkt. Mit "Negatron", das zwei Jahre zuvor erschien, hatte die Band bereits eine deutlich dystopische Richtung eingeschlagen. Doch mit "Phobos" gehen die Kanadier noch einen Schritt weiter.
Voivod zelebrieren auf "Phobos" eine radikale Abkehr von ihrer Vergangenheit, ohne diese je wirklich zu verleugnen. Der progressive Wahnsinn früherer Werke wie "Dimension Hatröss" ist hier immer noch spürbar, doch wurde er aufgelöst, fragmentiert, in seine Einzelteile zerlegt und in einer neuen, brutalistisch anmutenden Struktur wieder zusammengesetzt. Gitarrist Denis D'Amour spielt nicht mehr, er konstruiert. Seine Riffs sind keine klassischen Thrash-Salven mehr, sondern klingen wie fehlerhafte Schaltkreise, die in endlosen Feedbackschleifen auf sich selbst zurückgeworfen werden. Sie entfalten eine eigene, abstoßende Schönheit, weniger aus Harmonien als aus präzise gesetzter Dissonanz.
Der Sound von "Phobos" ist, anders als bei vielen anderen Alben dieser Zeit, kein Ergebnis überproduzierter Sterilität. Vielmehr wirkt alles kantig, unnahbar, wie mit dem Lötkolben zusammengehalten, und doch ist es ein durch und durch durchdachtes, bis ins letzte Detail kalkuliertes Konstrukt. Die abgehackten, maschinenartigen Drums agieren nicht mehr als treibendes Element, sondern als ständiger Widerstand, als Reibung. Der tief wummernde, metallische Bass und Eric Forrests gequälte Laute – ein halb mechanisches, halb verzweifeltes Röhren – rauben dem Album seine letzte Spur Menschlichkeit.
Dabei ist "Phobos" keineswegs frei von Emotion. Im Gegenteil. Es ist ein Album, das seine Gefühle nicht zeigt, sondern sie in verzerrte Sprachcodes und maschinelle Texturen übersetzt. Die emotionale Wirkung liegt tief in der Unzugänglichkeit, in der unbarmherzigen Kälte, mit der Voivod ihre Songs entwerfen. Besonders der Titelsong ist ein Paradebeispiel dieser emotionalen Abstraktion: ein zähes, sich windendes Konstrukt, dessen Struktur sich jeder vordergründigen Lesbarkeit entzieht und gerade durch seine Undurchdringlichkeit eine eigentümliche Faszination ausübt.
Die Band operiert hier mit einem hochgradig stilisierten, klinischen Vokabular, das jede Form klassischer Metal-Energie in eine neue, artifizielle Sprache übersetzt. Die Atmosphäre ist steril, posthuman, vollkommen synthetisch. Man denkt bei "Phobos" an verlassene Raumstationen, unterirdische Forschungseinrichtungen, technische Relikte einer untergegangenen Zivilisation.
Was Voivod mit "Phobos" letztlich geschaffen haben, ist ein Anti-Album im klassischen Sinne. Es gibt keinen Klimax, keine Befreiung, keine Identifikationsfigur. Nur Struktur, Textur, Repetition, Isolation. "Phobos" verweigert unmittelbare Emotionalität, Eingängigkeit, Identität und gewinnt daraus seine immense Kraft. Kaum eine (Metal)Band hat diese abstrakte, artifizielle Trostlosigkeit je so kompromisslos vertont wie Voivod auf diesem Album.
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