Mittwoch, 26. November 2025

My Dying Bride - The Light at the End of the World


"The Light at the End of the World" ist vielleicht das "unspektakulärste" Album der Band; eine viel zu schnelle "Rückkehr" zu ihren Doom Death-Wurzeln, nachdem sie auf dem großartigen Vorgänger "34.788%...Complete" einen interessanten, experimentelleren Ansatz verfolgt hatten. (Lediglich die Violine ist abhandengekommen, und es gab einen (1) Trip-Hop-Song; außerdem hat Aaron seine Stimme in einem (1) Song verzerrt – die Bauern tobten, der Aufstand war glasklar gerechtfertigt. Guter alter Metal-Fundamentalismus aus den Neunzigern.). Aber hey, wenn man solch herausragende Stücke wie 'She Is the Dark', 'Christliar', 'Edenbeast', 'The Fever Sea', 'Sear Me III' oder 'The Night He Died' schreibt, die sofort zu den besten Songs der Band gehören, mache ich gerne eine Rolle rückwärts. 'She Is the Dark', ein düsteres Epos, eröffnet das Album wie ein Schattentanz und wirft einen direkt in die Welt der Verzweiflung und Schönheit. "The Light at the End of the World" ist für mich zudem das oberepischste Werk der Band, das die Essenz der frühen Tage mit melodischer Tiefe und erzählerischem Gewicht vereint, wie es in diesem Genre keine andere Band erreicht. Die Rückkehr zeigt sich in schwerfälligen Riffs, langen Songstrukturen und der unverkennbaren Stimme von Aaron Stainthorpe, der hier sein markerschütterndes Röcheln wieder hervorholt, nachdem es nach "Turn Loose the Swans" nicht mehr zum Bandsound gehörte.
Und was für ein wütendes, verzweifeltes, schlicht höllenintensives Growling Aaron hier auffährt, ist einfach anbetungswürdig. Die Songs strahlen eine monumentale, düstere Pracht aus, die von lyrischer Dichtkunst getragen wird. Die Texte sind wie immer eine Reise durch Tragödien, Verlust und gotische Romantik – perfekt untermalt von der bedrückenden Klanghölle, die die Band erschafft. Die immer noch fehlende Violine, die auf früheren Alben eine prominente Rolle spielte, lenkt den Fokus auf die dichte Gitarrenarbeit von Andrew Craighan. My Dying Bride demonstrieren hier einmal mehr ihre Meisterschaft des melancholischen Doom in einer nahezu perfekten, düsteren, sakralen Atmosphäre, die das Album in eine erhabene Würde hüllt.

Sonntag, 16. November 2025

The Angelic Process - Weighing Souls With Sand


"Weighing Souls With Sand" ist ein musikalisches Inferno von solcher Tiefe und Komplexität, dass jede Beschreibung unzureichend bleibt; ein beängstigender Fall in einen dunklen Schacht, in dem es keinen Abgrund gibt.
Das letzte Werk des visionären Duos um Kris Angylus und Monica Dragynfly ist ein bittersüßer Abschied; ein himmlisches und höllisches Epos, das die Strukturen von Doom, Shoegaze, Drone und Ambient verwachsen lässt, um einen zutiefst ergreifenden, heilenden und dynamischen Klang zu schaffen.
Eine dichte Wand aus flimmernden, mit Cellobögen gespielten Gitarren, die sowohl gewaltig rauschend als auch verletzlich melodisch klingt, schwebt über meist einfachen, repetitiv-hypnotischen Drums. Verstörend verzerrte, unverständliche Vocalfetzen hallen wie geisterhafte Anrufungen durch den Giftnebel. Die Klangschichten sind so massiv, dass sie einen regelrecht umschließen und die Welt verschwinden lassen.
Die Produktion ist absichtlich ungeschliffen, trüb und eindringlich, voller Feedback und Übersteuerung, was dem gesamten Album einen zusätzlichen traumatisierenden Schmerz verleiht. Erdrückende Hymnen voller Trauer, entsetzliche Erzählungen vom Verlust des Verstandes, von Angst und Verzweiflung und dem entmutigenden Abstieg in den Wahnsinn. Ein nihilistischer Ozean erhabener Ausdruckskraft; ein verzweifelter Chor, der gegen das Vergessen ankämpft und die Essenz von Schmerz und Hoffnung einfriert. "Weighing Souls With Sand" ist ein episches Ungetüm und mit seiner folternden, monumentalen Ästhetik der erbarmungsloseste und trostloseste Schrei in die Leere der 2000er Jahre. Den Kampf zwischen Licht und Schatten, zwischen Zerstörung und Schöpfung verlor der an Depressionen leidende Kris Angylus leider ein Jahr später und beging Suizid.

Dienstag, 11. November 2025

Soundgarden - Badmotorfinger

 
Soundgarden gingen mit ihrem großen Klassiker "Badmotorfinger" von 1991 einen anderen Weg als viele andere "Grunge"-Bands. Während die meisten ihrer Zeitgenossen ihre Energie auf Melancholie und Zurückhaltung konzentrierten, präsentierten sich Soundgarden laut, roh und technisch versiert und als ein tobender Vulkan im Herzen von Seattle. 'Rusty Cage' mit seinem zerrenden Gitarrenriff und dem höllisch intensiven Chris Cornell zeigt alles, was auf dem bereits prophetischen Vorgängeralbum angedeutet wurde. Cornells Falsett ist nun nicht nur wütend, sondern erhaben und gleicht einem ausgewachsenen Raubtier. Nachdem die Band mit ihrem phänomenalen Vorgänger die Welt noch nicht ganz erobern konnte, zeigt sie sich auf diesem legendären Meisterwerk entschlossener denn je; nicht nur zur Welteroberung, sondern auch dazu, sie in Schutt und Asche zu legen. Auf "Badmotorfinger" zeigt Kim Thayil seine überlegene Gitarrenarbeit in voller Bandbreite; von den brüllenden Riffs in 'Jesus Christ Pose' mit seinem brennenden Kreuzzug gegen Heuchelei bis zu den trippigen Soli in 'Room a Thousand Years Wide'. Die fantastische Rhythmussektion mit dem dominierenden und dirigierenden Matt Cameron am Schlagzeug, der sich hier als einer der besten Drummer der Rockgeschichte vorstellt, und Ben Shepherds pumpendem Bass, schafft eine gewaltige Basis aus donnernden Grooves und "polternden" Rhythmen. Das Album klingt wie ein dampfender Güterzug, der unaufhörlich vorwärtsdrängt. Die gesamte Band entfesselt auf dem Album eine niederdrückende Schwere, die bis heute beeindruckend geblieben ist. Kolossale Beben wie 'Outshined' und die gnadenlose Erdverkrümmung der Rockgeschichte, 'Slaves & Bulldozers', steigen aus dem Erdkern empor. Cornell dreht in dieser epischen Hymne völlig ab und bringt mich bis heute zum Schwitzen. Terry Date zeigt erneut seine goldenen Ohren und geschickten Knöpfchendreher-Hände und kleidet "Badmotorfinger" in eine makellose Produktion, die die bluthungrige Energie der Band ohne Kompromisse einfängt und einen erdrückend dichten Klang schafft. "Badmotorfinger" ist und bleibt in seiner ambitionierten Größe und mit seinem einzigartigen Spagat zwischen Hard Rock und "Grunge" nicht nur eines der besten Alben der Neunziger, sondern der gesamten Rockgeschichte.

Sonntag, 9. November 2025

Voivod - Phobos


Voivod haben sich 1997 mit "Phobos" mit beängstigender Konsequenz von jeder konventionellen Vorstellung von Metalmusik entfernt, und dennoch sind sie ganz bei sich selbst geblieben. Es ist das Werk einer Band, die sich längst von gewöhnlichen Maßstäben gelöst hat; ein klangliches Monstrum, geboren ebenso aus dem Geist industrieller Zersetzung wie aus der zerklüfteten Tektonik des Thrash, erstarrt in einer atmosphärischen Dichte, die beängstigend erdrückend wirkt. Mit "Negatron", das zwei Jahre zuvor erschien, hatte die Band bereits eine deutlich dystopische Richtung eingeschlagen. Doch mit "Phobos" gehen die Kanadier noch einen Schritt weiter.

Voivod zelebrieren auf "Phobos" eine radikale Abkehr von ihrer Vergangenheit, ohne diese je wirklich zu verleugnen. Der progressive Wahnsinn früherer Werke wie "Dimension Hatröss" ist hier immer noch spürbar, doch wurde er aufgelöst, fragmentiert, in seine Einzelteile zerlegt und in einer neuen, brutalistisch anmutenden Struktur wieder zusammengesetzt. Gitarrist Denis D'Amour spielt nicht mehr, er konstruiert. Seine Riffs sind keine klassischen Thrash-Salven mehr, sondern klingen wie fehlerhafte Schaltkreise, die in endlosen Feedbackschleifen auf sich selbst zurückgeworfen werden. Sie entfalten eine eigene, abstoßende Schönheit, weniger aus Harmonien als aus präzise gesetzter Dissonanz.

Der Sound von "Phobos" ist, anders als bei vielen anderen Alben dieser Zeit, kein Ergebnis überproduzierter Sterilität. Vielmehr wirkt alles kantig, unnahbar, wie mit dem Lötkolben zusammengehalten, und doch ist es ein durch und durch durchdachtes, bis ins letzte Detail kalkuliertes Konstrukt. Die abgehackten, maschinenartigen Drums agieren nicht mehr als treibendes Element, sondern als ständiger Widerstand, als Reibung. Der tief wummernde, metallische Bass und Eric Forrests gequälte Laute – ein halb mechanisches, halb verzweifeltes Röhren – rauben dem Album seine letzte Spur Menschlichkeit.

Dabei ist "Phobos" keineswegs frei von Emotion. Im Gegenteil. Es ist ein Album, das seine Gefühle nicht zeigt, sondern sie in verzerrte Sprachcodes und maschinelle Texturen übersetzt. Die emotionale Wirkung liegt tief in der Unzugänglichkeit, in der unbarmherzigen Kälte, mit der Voivod ihre Songs entwerfen. Besonders der Titelsong ist ein Paradebeispiel dieser emotionalen Abstraktion: ein zähes, sich windendes Konstrukt, dessen Struktur sich jeder vordergründigen Lesbarkeit entzieht und gerade durch seine Undurchdringlichkeit eine eigentümliche Faszination ausübt.

Die Band operiert hier mit einem hochgradig stilisierten, klinischen Vokabular, das jede Form klassischer Metal-Energie in eine neue, artifizielle Sprache übersetzt. Die Atmosphäre ist steril, posthuman, vollkommen synthetisch. Man denkt bei "Phobos" an verlassene Raumstationen, unterirdische Forschungseinrichtungen, technische Relikte einer untergegangenen Zivilisation.

Was Voivod mit "Phobos" letztlich geschaffen haben, ist ein Anti-Album im klassischen Sinne. Es gibt keinen Klimax, keine Befreiung, keine Identifikationsfigur. Nur Struktur, Textur, Repetition, Isolation. "Phobos" verweigert unmittelbare Emotionalität, Eingängigkeit, Identität und gewinnt daraus seine immense Kraft. Kaum eine (Metal)Band hat diese abstrakte, artifizielle Trostlosigkeit je so kompromisslos vertont wie Voivod auf diesem Album.

Samstag, 8. November 2025

Akercocke - Words That Go Unspoken, Deeds That Go Undone


Neben "Mezmerize" / "Hypnotize" gab es 2005 ein weiteres Album, das mich völlig unvorbereitet aus meiner Lederjacke geprügelt hat. Akercocke, die elegantesten Anzugträger des Extreme Metal, haben mit ihrem vierten Album "Words That Go Unspoken, Deeds That Go Undone" ein Werk geschaffen, das einem sakralen Ritualtanz zwischen Inferno und Himmel gleicht. Das Album ließ 2005 die Grenzen zwischen Black, Death und Progressive Metal schmelzen und offenbarte ein bis dahin unbekanntes Klangspektrum, das inmitten all der aberwitzigen Brutalität einen manischen Dämmerzustand heraufbeschwört. Die Band verzahnt rücksichtslos donnernde Blastbeats, diabolisches Growling und eine dichte, unheilige Atmosphäre und schafft zugleich ungewöhnlich viel Freiraum, wo eigentlich keiner sein sollte, für meisterhaft eingebaute melodische Passagen. Akercocke scheuen sich nicht, dissonante Riffs und atmosphärische Keyboardlinien, akustische Gitarreninterludien mit rasenden Black Metal-Ausbrüchen sowie hypnotische Rhythmen mit träumerischer Atmosphäre – fast in Richtung Post-Metal schielend – miteinander zu verweben. Die Produktion ist klar und kraftvoll, was der musikalischen Komplexität enorm zugutekommt; dadurch wird deutlich, wie sehr Akercocke ihr Handwerk verstehen: Trotz aller Brutalität verlieren sie nie die Finesse, ihre Songs organisch und mit erzählerischem Fluss aufzubauen.
Auch wenn ich mittlerweile den bereits grandiosen Vorgänger vorziehe, ist und bleibt "Words That Go Unspoken, Deeds That Go Undone" ihr Höhepunkt. Ein denkwürdiges, gleichermaßen komplexes wie zugängliches Meisterwerk im Extreme Metal.