Unter seinem maskierten Alter Ego Redshape hat der deutsche Produzent den Techno-Kosmos mit einem Werk bereichert, das tief in den Wurzeln des Genres verbunden ist und gleichzeitig unermüdlich nach neuen Horizonten strebt. Der Titel deutet bereits auf eine Spannung zwischen scheinbaren Gegensätzen hin – Tanz und Paradoxon, Struktur und Chaos, Vorwärtsdrang und Reflexion. "The Dance Paradox" präsentiert sich als dunkler, hypnotischer Tanz durch die Schatten einer Stadt, die niemals schläft, einer Metropole, die von glühender Energie und tiefen Untertönen der Melancholie durchzogen ist. Das Album ist ein Bastard aus Techno und introspektiver Klangforschung, das die Zeit als formbare Dimension begreift, die sich in den Songs dehnt und windet, als würde sie unter dem Druck eines unausgesprochenen, aber alles durchdringenden Dilemmas zerbersten. Redshape gelingt es, Techno nicht nur als Clubmusik, sondern als künstlerische Ausdrucksform zu präsentieren, die das Potenzial hat, einen auf mehreren Ebenen zu fesseln, körperlich, intellektuell und emotional.
Der Opener 'Seduce Me' zieht einen in eine stark nebulöse Klangwelt. Die tiefen, fast bedrohlichen Basslinien und die schemenhaften Synths schaffen eine düstere, aber zugleich verführerische Atmosphäre, der Song rahmt den musikalischen Inhalt treffend ein. 'Seduce Me' entwickelt sich langsam und nimmt sich Zeit, um seine hypnotische Wirkung zu entfalten, während die kraftvollen Drums einen unaufhaltsamen Rhythmus vorgeben. Redshape ist ein Meister der Spannungsbögen. Er fesselt die Aufmerksamkeit des Hörers ohne überflüssige Effekte; die Tiefe seiner Songs liegt in ihrer scheinbaren Simplizität und der Fähigkeit, aus wenigen gezielten Elementen eine dichte Klanglandschaft zu formen. Der Song bleibt in einer merkwürdigen Schwebe, als warte er auf einen entscheidenden Moment, der niemals wirklich kommt, eine Konstellation, die die Unberechenbarkeit dieses Albums von Anfang an prägt.
"The Dance Paradox" ist ein Werk, das über die üblichen Parameter der Techno-Ästhetik hinausgeht. Es sucht das Abseitige und Verborgene und bringt es in den Mittelpunkt von Raum und Klang. 'Man Out of Time' ist ein perfektes Beispiel für Redshapes Virtuosität im Umgang mit temporalen Brüchen. Der Song wirkt, als hätte er sich aus einer anderen Zeit in die Gegenwart geschlichen – die Synthesizer flirren retrofuturistisch, während der Beat schleppend, aber unaufhaltsam marschiert. Der Titel verweist nicht nur auf die menschliche Kondition, sondern auch auf den Zustand der elektronischen Musik selbst, die hier in ihrer reinen Form analysiert und seziert wird.
Redshape demonstriert auf diesem Album seine Zugehörigkeit zur Tradition der Techno-Giganten Detroits, wie Carl Craig und Juan Atkins, während er gleichzeitig eine düstere, introspektive Dimension hinzufügt. Was "The Dance Paradox" besonders bemerkenswert macht, ist nicht nur die musikalische Architektur, sondern auch die Art und Weise, wie es ein narratives Gefüge erschafft. Die Songs, die zunächst isoliert wirken, sind durch ein unsichtbares Netz miteinander verbunden, als würden sie eine Geschichte erzählen, die weder linear noch abgeschlossen ist.
Stücke wie 'Bound (Part 1 & 2)' oder 'Garage GT' sind perfekte Beispiele dafür, wie Redshape Klangtexturen miteinander verwebt. Die Songs scheinen zwischen den Polen von Auflösung und Struktur zu schweben: Einerseits zeigen sie die Präzision und Klarheit von Techno, während sie andererseits mit klanglichen Unschärfen und Brüchen arbeiten.
'Dead Space Mix (Edit)' bietet einen Moment der Ruhe, in dem die hektische Dynamik der Tanzmusik durchbrochen wird. Hier wird Stille zum dominanten Element, das den Raum zwischen den Klängen erfahrbar macht. Redshape legt hier eine Meditation über den Klang selbst vor, eine Art Techno-Philosophie, die in ihrer Abstraktheit sowohl verwirrend als auch faszinierend ist.
Die Songs sind nicht bloß Klangkonstrukte; sie sind "psychologische Räume", in denen man sich verlieren und wiederfinden kann. 'Globe' ist hierfür exemplarisch: Die repetitiven Sequenzen greifen wie Zahnräder ineinander und erzeugen ein hypnotisches Soggefühl, das einerseits Vertrautheit vermittelt, andererseits aber immer wieder unerwartete Wendungen nimmt, die einen aus der Komfortzone reißen. Der Song schwebt, zittert und entfaltet sich langsam, während die Drums wie ferne Trommelschläge durch den Raum driften.
Besonders hervorzuheben ist Redshapes Umgang mit Raum und Stille. Pausen und Leerstellen werden meisterhaft genutzt, um die klangliche Spannung zu erhöhen. In einem Genre, das oft auf schiere Energie und Bewegung setzt, gelingt es ihm, Momente der Ruhe und Reflexion einzubauen, die einen zwingen, tiefer in den Klang einzutauchen. Das Album ist von einer unerbittlichen Dunkelheit durchzogen, die subtil inszeniert ist. Diese Dunkelheit hat mehr mit innerer Zerrissenheit als mit äußerer Bedrohung zu tun, eine Paradoxie, die sich auch in der Produktion widerspiegelt. Redshapes Klang ist präzise, scharf und beinahe chirurgisch, doch schwebt immer ein Hauch von Unvollkommenheit über den Tracks, als wolle er einen daran erinnern, dass Perfektion letztlich eine Illusion ist. Die Soundästhetik des Albums ist unglaublich faszinierend. Es werden Klangbilder erzeugt, die analog, organisch und beinahe greifbar klingen. Seine Basslines sind druckvoll und raumfüllend, seine Synthesizer oft warm, jedoch mit einem Hauch von Distanz. "The Dance Paradox" ist ein vielschichtiges, schwer zugängliches Album, das sich jedem schnellen Konsum verweigert. Es ist weniger eine Einladung zum Tanz als ein Rätsel, das es zu entschlüsseln gilt. "The Dance Paradox" zieht einen in seine tiefere Struktur, wo jede Bewegung und jedes Element bewusst platziert sind, um ein intensives und zugleich introspektives Erlebnis zu schaffen. Redshape hat einen Klangraum geschaffen, der sich zwischen den Extremen von Vergangenheit und Zukunft, Ordnung und Chaos bewegt. Dieses Werk zwingt einen, innezuhalten, nachzudenken und den eigenen Platz in dieser Klangwelt neu zu hinterfragen.
Sonntag, 19. Oktober 2025
Redshape - The Dance Paradox
Samstag, 18. Oktober 2025
Magazine - Real Life
Als "Real Life" 1978 erschien, öffneten Magazine eine Tür zu einer völlig neuen Dimension des Punk. Unter der Leitung von Ex-Buzzcocks-Sänger Howard Devoto konzipierten sie mit ihrem Debüt ein Album, das nicht nur das Post Punk-Genre maßgeblich prägte, sondern auch seine Möglichkeiten in alle Richtungen ausdehnte. "Real Life" ist ein kühner Sprung ins Unbekannte; eine Verschmelzung von Punk-Energie, experimenteller Klangästhetik und anspruchsvollen Texten.
Hier treffen Punk-Aggression und Art-Rock-Intelligenz aufeinander, und das Ergebnis ist elektrisierend. Wabernde Synthesizer geben dem Ganzen eine schimmernde, futuristische Note, und 'Shot by Both Sides' kann nebenbei eines der besten Gitarrenriffs der 70er vorweisen. Die Band vereint auf dem Album klare, kraftvolle Songs mit klanglichen Experimenten – mal hymnisch, mal verstörend –, immer getragen von John McGeochs brillanter Gitarrenarbeit und einem knisternden Hauch von Glamour.
"Real Life" gehört nicht nur zu den besten Debütalben der Post Punk-Ära, sondern ist mit seiner Eleganz und visionären Intensität auch eines der innovativsten Alben der späten Siebzigerjahre.
Samstag, 11. Oktober 2025
The Lords of the New Church - The Lords of the New Church
"The Lords of the New Church", das gleichnamige Debüt der Supergroup um Stiv Bators (Dead Boys), Brian James (The Damned), Dave Tregunna (Sham 69) und Nick Turner (The Barracudas), gehört zweifellos zu den zeitlos und unberechenbar klingenden Alben der Achtzigerjahre. 1982 erschienen, vereinte es das lodernde Feuer des Punk mit der düsteren Romantik des Gothic Rock und traf mit seinem kunterbunten Gemisch aus zornigem Eifer, trübseligen Melodien und provokanten Texten genau den Nerv seiner Zeit; ein großartiges Gleichgewicht zwischen Punkschmutz und Gothic-Eleganz. Hier geht es nicht nur um drei Akkorde und rebellische Posen, das Album ist ein sorgfältig arrangierter, verdüsterter Ball zwischen Hoffnung und Dekadenz. 'Russian Roulette', mit seinem eingängigen Refrain, und 'Open Your Eyes', das bissig soziale Missstände kommentiert, stechen als Hymnen hervor, angetrieben von kantigem Gitarrenspiel und Bators' charismatischem Gesang. Das Album zeichnet sich insbesondere durch seine unverschämte Vielseitigkeit aus; es ist düster, ohne zu schwer zu wirken, rebellisch, ohne sich in Plattitüden zu verlieren, und melodisch, ohne an Schärfe einzubüßen. Jeder Song wirkt wie ein Teil eines größeren Puzzles, das einen zu einem Tanz auf den Trümmern der Gesellschaft einlädt. "The Lords of the New Church" ist betörender Punk, ernstzunehmender Gothic Rock und alles, was dazwischenliegt – eines der markantesten und melodischsten Düsteralben der Achtziger.
Freitag, 10. Oktober 2025
Mr. Bungle - Mr. Bungle
Mike Patton muss sich bei Faith No More Anfang der Neunzigerjahre so gelangweilt haben, dass er mit seiner anderen Band unbedingt diese notwendige wilde, bizarre und chaotische Fieberfantasie erschaffen musste; eine surreale Klangcollage, die alles gleichzeitig sein will: Funk, Metal, Jazz, Ska, Zirkusmusik und purer Wahnsinn. Das Album ist eine wilde Mescalin-Polka im prolligen Autoscooter, die ständig zwischen groovenden Bassläufen, schreienden Gitarren und Pattons grenzenloser vokaler Bandbreite anrempelt; von flüsternder Verführung über manisches Schreien bis hin zu absurden Stimmimitationen. Ein Gestörten-Mosaik aus Stilen, bewaffneten Clowns mit Kettensägen und vielfältigen Einflüssen, das trotz seiner schieren Überforderung auf wundersame Weise zusammenhält. Für die Produktion dieser freudigen Kakophonien war natürlich John Zorn verantwortlich, selbst ein Meister des musikalischen Wahnsinns. Er bringt die Exzentrizität der Band perfekt zur Geltung; jeder schräge Ton und jede absurde Wendung wird betont, ohne dass das Album seinen anarchischen Charakter verliert. Eine wunderbare, schräge Zirkusvorstellung, ziemlich einzigartig in den Neunzigern in seinem kompromisslosen, grotesken und faszinierenden Albtraumszenario und so schön verstörend wie brillant.
Dieses Album ist übrigens die perfekte musikalische 1:1-Übersetzung meines geistigen Zustands, meiner Gedankenprozesse und Hirnaktivitäten, wenn ich beruflich in sinnlosen, zeitvernichtenden Meetings sitze und überzeugend simuliere, anwesend zu sein.
Dienstag, 7. Oktober 2025
Swans - Cop
Ja, Swans, schon wieder. Es muss einfach sein. Die mittlere und spätere Phase habe ich hier ja bereits versucht abzubilden (natürlich nicht mit allen Alben, da werde ich ja nie fertig und irre dabei), doch es klafft noch eine Lücke dieser Legende, die unbedingt gefüllt werden muss: die absolute Finsternis ihrer Anfangsphase. Die frühen Jahre waren richtig übel, und auch der eigentliche Grund, warum diese Band so hoch angesehen wird. Keine Frohnaturmusik. Also toll.
1982 tauchten Swans auf wie ein Dämon aus dem New Yorker Untergrund. Kein Klang, keine Szene, kein Genre war danach mehr unversehrt. Ihr Erscheinen hinterließ Narben, tiefe, klaffende Wunden in Noise, Industrial, Doom, Avantgarde, selbst in Post-Rock und Ambient. Und die bluten bis heute.
Am Anfang gab es nur Beton, Blut, Maschinen. Swans wollten nicht töten, sie mussten. Ihre erste Platte, "Filth", war nichts weniger als eine dreckverkrustete Abrissbirne. Alles daran schrie nach Ablehnung, von Schönklang, von Struktur, von Sinn. Es war Rockmusik, wenn man dem Wort all seinen Sex, seine Melodie, seine Pose entzieht, und nur noch das Fleisch und das Stöhnen übrig lässt. Hier wird gearbeitet. Geschwitzt, geschunden, geschrien. Musik, die nicht fragt, ob sie willkommen ist. Musik als Zwangsarbeit. Verstümmelter Rock, ohne jede Reue. Doch das war nur die Skizze.
Mit "Cop" kam die totale Verweigerung. Alles, was auf "Filth" noch zuckte oder atmete, wird hier in Beton gegossen. Die Reduktion auf den nackten, schmerzenden Nerv. Wenn "Filth" schon radikal war, dann war "Cop" die stumpfe Rasierklinge, die langsam und sorgfältig durch das letzte bisschen Hoffnung fuhr. Die Drums klangen wie Titanenschritte in Zeitlupe; unerschütterlich, unbeweglich, ein Panzer aus Blei, der exekutiert. Die Gitarren spielten keine Töne, sondern schleppten Lasten, waren mehr Masse als Klang, sie klangen nach Betonmischern, nach Eisen, nach Maschinen, die sich weigern zu sterben. Alles war rhythmisch, aber nicht lebendig; es pumpte, ohne zu atmen. Der Bass schiebt einen einfach in den Boden, ohne zu fragen, ob man mitkommen möchte, und zieht sich wie ein Stahlseil, schwer gespannt, kurz vorm Zerreißen, durch die Kompositionen. Und diese Pausen. Diese unbequemen, schmerzhaft langen Leerstellen zwischen den Einschlägen, hier zerstört auch das Warten. Ein Requiem für alles, was jemals leicht, beschwingt oder gar optimistisch geklungen hat.
Was hier passierte, war keine Fantasie, kein psychedelisch flackernder Höllentrip, kein Teufel-Kitsch. Es war Realität. Eine kalte, industrielle, antihumane Realität. Keine Versöhnung. Keine Romantik. Kein Fluchtpunkt. Es war Schmerz als Zustand, nicht als Gefühl. Eine Dokumentation des Elends in Echtzeit, während alles in einem schreit, wegzurennen.
Michael Gira klang, als würde er nicht mehr singen, sondern nur noch berichten. Von innen. Von einem Ort jenseits des Zorns. Er hat das Klagen längst hinter sich gelassen. Seine Stimme ist ein leergefressener Raum, dem selbst das Atmen zuwider geworden ist. Sie trägt keinen Trost. Sie trägt nichts. Kein Licht, keine Richtung. Nur einen Blick, leer und absolut. Seine Texte sind klinisch, dokumentarisch, grausam. Polizeigewalt, Entmenschlichung, Sucht, Ausbeutung, systematische Erniedrigung. Kein Satz enthält Trost. Kein moralischer Appell. Kein Ausweg. Nur das "So ist es". So sieht es aus, wenn du die Welt nicht mehr beschreiben willst, sondern sie sezierst. Es gibt keine Refrains. Keine Reißverschlussmomente zum Durchatmen. Nur eine kalte Wand, die nicht zusammenbricht. Diese schonungslose Direktheit war nicht nur schockierend, sondern auch verstörend ehrlich. Giras Stimme war das Medium, durch das sich die toxische Realität ihren Weg suchte, ein sprechendes Abflussrohr für die Abgründe, die die Gesellschaft lieber ignorierte. Eine erschütternde Chronik des Niedergangs. Jeder Atemzug, jeder verhallende Ton dieser präzisen Poesie des Grauens schien die unsichtbaren Wunden der Welt bloßzulegen, ohne das geringste Anzeichen von Mitgefühl oder Bedauern.
Dieses Werk war kein Produkt, das sich analysieren oder nachbauen ließ. "Cop" war kein Stil, kein Genre, keine Schule. Es war ein Zustand. Ein Extrem. Die totale Abwesenheit von Form und Richtung. Eine emotionale Grenzerfahrung, eingefroren in Lärm und Verachtung. Eine tieffrequente, furchtbare Ruhe; ein Dröhnen, das wie eine Leiche im Raum liegt.
Und was viele an der Oberfläche für rohe Gewalt hielten, war in Wahrheit Kontrolle. Ein völliges Bewusstsein über das, was man da tut. Keine Effekthascherei, keine pubertäre Wut, sondern kaltes, kalkuliertes Auslöschen. Von allem. Es war die Präzision eines Henkers, der sein Handwerk versteht. Die absolute Dominanz über Klang und Ausdruck, die hier zelebriert wurde.
"Cop" ist ein Album, das unentwegt auf einen einprügelt, wenn man schon am Boden liegt, noch auf einen eintritt, ständig hochgezogenen Schleim darniederspuckt, und einem dann langsam die Hand auf die Schulter legt und sagt: "Du bist nichts."
Montag, 6. Oktober 2025
The Stranglers - Rattus Norvegicus
Von Anfang an hielten sich The Stranglers nicht an die ungeschriebenen Regeln des Punk; "Rattus Norvegicus" entzog sich allen Erwartungen und präsentierte sich mit seiner düsteren, fast theatralischen Atmosphäre als eine ganz eigene Definition von Punk. Ihr erstes Album ist ein rebellisches, bissiges, sarkastisches und zugleich erstaunlich musikalisches Werk, das bis heute als eines der faszinierendsten Debüts der britischen Musikszene gilt. The Stranglers machen auf diesem Album unmissverständlich klar, dass sie gekommen sind, um die Punk-Szene mit einem dreckigen Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Virtuosität aufzumischen. Hugh Cornwells sardonischer Gesang und seine oft zynischen Texte, die unverkennbaren Keyboard-Eskapaden von Dave Greenfield mit ihrer barocken Eleganz sowie die treibende Rhythmussektion mit Burnels schnarrendem Bass, hier passt alles zusammen; die Songs sind scharf, bissig und überaus klangvoll. Das Album zelebriert mit straßenköterhafter Respektlosigkeit und instrumentaler Raffinesse, angetrieben von lasziven Bassläufen, eine wilde Symbiose aus Punk-Attitüde, psychedelischen Elementen, progressiven Arrangements und einem Hauch von Pubrock. Der gewollte Kontrast zu den ausgeklügelten Melodien wird durch die stetig vorhandene, wohlüberlegte Räudigkeit und die Bissigkeit der Texte verstärkt. "Rattus Norvegicus" ist herrlich experimentierfreudig, ohne den Faden zu verlieren, bietet genügend Raum für Intelligenz, eigenwillige Musikalität und subtile Provokation und war damals eine spöttische Offenbarung für die Weiterentwicklung der Punk-Wurzeln.
Sonntag, 5. Oktober 2025
Tubeway Army - Replicas
Das wegweisende Werk, das den Übergang von Punk zu Synthpop markierte und dabei den Grundstein für den späteren Elektropop legte.
Futuristisch und düster – inspiriert von der Science-Fiction-Literatur Philip K. Dicks und geprägt von Numans Faszination für Isolation, Maschinen und die dunklen Seiten der Menschheit – entfaltet sich dieses Album zu einer kalten, faszinierenden Klangkapsel. Auf dem Album dominiert der Synthesizer, der bei Veröffentlichung 1979 immer noch ein recht exotisches Werkzeug war. Numans Minimoog verleiht dem Album eine kalte, mechanische Architektur, die durch die stoischen Basslinien von Paul Gardiner und die prägnanten, minimalistisch gehaltenen Gitarrenparts perfekt ergänzt wird. Jess Lidyard sorgt mit seiner präzisen, maschinellen Spielweise am Schlagzeug dafür, dass die Arrangements ebenso kühl wie effektiv wirken. Der Sound zieht einen in eine sterile, anti-utopische Zukunft. 'Are 'Friends' Electric?' verbindet eine unheilvolle Synthesizer-Melodie mit Numans robotisch-emotionsloser Stimme und transportiert eine verstörende Atmosphäre, während 'Down in the Park', eine düstere Vision von Kontrollverlust und Überwachung, durch seine klangliche Zurückhaltung umso eindringlicher wirkt. Die Texte sind durchzogen von futuristischen Bildern und existenziellen Fragen, während Numans monotone, entmenschlichte Stimme dem Ganzen eine zusätzliche Dimension verleiht, als wäre er längst selbst Teil der Maschinen geworden, über die er singt. 'Replicas' ist ein klinisch-steriles Meisterwerk seiner Zeit, das trotz seiner kalten Ästhetik einen warmen Kern beherbergt und zu den Wurzeln der modernen elektronischen Musik gehört.
Anacrusis - Screams and Whispers
Das 1993 veröffentlichte "Screams and Whispers" stellt für mich den Höhepunkt im Schaffen von Anacrusis dar und gilt bis heute als beeindruckendes Ausrufezeichen in der Welt der progressiven Metallverarbeitung, kurz bevor die Band ihre Laufbahn beendete.
Ihr viertes und letztes Studioalbum ist eine spektakuläre Allianz aus Thrash, Progressive Metal und atmosphärischen Elementen, die sich deutlich von den Veröffentlichungen ihrer Zeit abhebt. Die Band um Sänger und Gitarrist Kenn Nardi zeigt sich hier in ihrer ausgefeiltesten und ambitioniertesten Form. Die Arrangements sind vielschichtig, emotional und stets unvorhersehbar; thrash-typische Riffs treffen auf melancholische Melodien, stimmungsvolle ruhige Passagen auf explosive Ausbrüche, ein großartiges Spiel zwischen Chaos und Struktur.
Besonders bemerkenswert ist der Einsatz von Nardis Stimme, die von aggressiven Schreien über eindringlichen Klargesang bis hin zu fast geflüsterten Passagen reicht und einen direkt in die emotionalen Abgründe der Texte zieht. "Screams and Whispers" ist ein melancholisches Denkmal für eine Band, die ihrer Zeit weit voraus war, und bis heute eines der beeindruckendsten Werke, um zu demonstrieren, wie fantastisch anspruchsvoller Metal tatsächlich sein kann, ganz ohne Doktortitel und wichsverklebte Hände der Musiker.
Die Produktion von "Screams and Whispers" ist für ein Album dieser Ära erstaunlich klar und facettenreich. Die Band erschuf damit ein Klangbild, das die emotionale Intensität ihrer Musik präzise einfängt, ohne die technische Finesse zu überlagern. Jedes Instrument hat seinen Raum, und die Dynamik zwischen den ruhigen und kraftvollen Momenten wird meisterhaft in Szene gesetzt.
Dieses Album ist kein einfaches Hörerlebnis; es verlangt Aufmerksamkeit und Hingabe, belohnt jedoch mit einer musikalischen Reise, die sowohl emotional als auch intellektuell befriedigt. "Screams and Whispers" ist nicht nur ein Höhepunkt im Schaffen von Anacrusis, sondern auch ein unverzichtbares Werk für Liebhaber anspruchsvoller Metal-Klänge.
Mittwoch, 1. Oktober 2025
Nick Drake - Bryter Layter
Sein 1970 veröffentlichtes zweites Album besticht durch zarte Schönheit, melancholische Anmut und zeitlose Eleganz.
Während sein Debüt noch sehr verschlossen und in sich gekehrt war, öffnet sich Drake hier; seine Arrangements schwelgen in Üppigkeit, die Songs erstrahlen in Klarheit, und ein zarter Optimismus durchdringt seinen ansonsten trübsinnigen Sound. "Bryter Layter" entführt in eine Welt aus pastoralem Folk, sanftem Jazz und feinsinniger Orchestrierung. Robert Kirbys Streicher- und Bläserarrangements verschmelzen mit Drakes fantastischem Gitarrenspiel zu einer Klangtextur zwischen Nostalgie und zeitloser Moderne.
"Bryter Layter", zu Lebzeiten verkannt, reifte über die Jahrzehnte zu einem großen Klassiker. Es offenbart eine überraschende Leichtigkeit, als schwebe Drake durch die Straßen Londons, während seine samtene, fast flüsternde Stimme seine poetischen Texte mit intimer Vertraulichkeit umhüllt. Auf seinem vorletzten Werk verzichtet Drake auf große Gesten und entfaltet seine volle Magie in den stillen Momenten.












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