Mittwoch, 26. November 2025

My Dying Bride - The Light at the End of the World


"The Light at the End of the World" ist vielleicht das "unspektakulärste" Album der Band; eine viel zu schnelle "Rückkehr" zu ihren Doom Death-Wurzeln, nachdem sie auf dem großartigen Vorgänger "34.788%...Complete" einen interessanten, experimentelleren Ansatz verfolgt hatten. (Lediglich die Violine ist abhandengekommen, und es gab einen (1) Trip-Hop-Song; außerdem hat Aaron seine Stimme in einem (1) Song verzerrt – die Bauern tobten, der Aufstand war glasklar gerechtfertigt. Guter alter Metal-Fundamentalismus aus den Neunzigern.). Aber hey, wenn man solch herausragende Stücke wie 'She Is the Dark', 'Christliar', 'Edenbeast', 'The Fever Sea', 'Sear Me III' oder 'The Night He Died' schreibt, die sofort zu den besten Songs der Band gehören, mache ich gerne eine Rolle rückwärts. 'She Is the Dark', ein düsteres Epos, eröffnet das Album wie ein Schattentanz und wirft einen direkt in die Welt der Verzweiflung und Schönheit. "The Light at the End of the World" ist für mich zudem das oberepischste Werk der Band, das die Essenz der frühen Tage mit melodischer Tiefe und erzählerischem Gewicht vereint, wie es in diesem Genre keine andere Band erreicht. Die Rückkehr zeigt sich in schwerfälligen Riffs, langen Songstrukturen und der unverkennbaren Stimme von Aaron Stainthorpe, der hier sein markerschütterndes Röcheln wieder hervorholt, nachdem es nach "Turn Loose the Swans" nicht mehr zum Bandsound gehörte.
Und was für ein wütendes, verzweifeltes, schlicht höllenintensives Growling Aaron hier auffährt, ist einfach anbetungswürdig. Die Songs strahlen eine monumentale, düstere Pracht aus, die von lyrischer Dichtkunst getragen wird. Die Texte sind wie immer eine Reise durch Tragödien, Verlust und gotische Romantik – perfekt untermalt von der bedrückenden Klanghölle, die die Band erschafft. Die immer noch fehlende Violine, die auf früheren Alben eine prominente Rolle spielte, lenkt den Fokus auf die dichte Gitarrenarbeit von Andrew Craighan. My Dying Bride demonstrieren hier einmal mehr ihre Meisterschaft des melancholischen Doom in einer nahezu perfekten, düsteren, sakralen Atmosphäre, die das Album in eine erhabene Würde hüllt.

Sonntag, 16. November 2025

The Angelic Process - Weighing Souls With Sand


"Weighing Souls With Sand" ist ein musikalisches Inferno von solcher Tiefe und Komplexität, dass jede Beschreibung unzureichend bleibt; ein beängstigender Fall in einen dunklen Schacht, in dem es keinen Abgrund gibt.
Das letzte Werk des visionären Duos um Kris Angylus und Monica Dragynfly ist ein bittersüßer Abschied; ein himmlisches und höllisches Epos, das die Strukturen von Doom, Shoegaze, Drone und Ambient verwachsen lässt, um einen zutiefst ergreifenden, heilenden und dynamischen Klang zu schaffen.
Eine dichte Wand aus flimmernden, mit Cellobögen gespielten Gitarren, die sowohl gewaltig rauschend als auch verletzlich melodisch klingt, schwebt über meist einfachen, repetitiv-hypnotischen Drums. Verstörend verzerrte, unverständliche Vocalfetzen hallen wie geisterhafte Anrufungen durch den Giftnebel. Die Klangschichten sind so massiv, dass sie einen regelrecht umschließen und die Welt verschwinden lassen.
Die Produktion ist absichtlich ungeschliffen, trüb und eindringlich, voller Feedback und Übersteuerung, was dem gesamten Album einen zusätzlichen traumatisierenden Schmerz verleiht. Erdrückende Hymnen voller Trauer, entsetzliche Erzählungen vom Verlust des Verstandes, von Angst und Verzweiflung und dem entmutigenden Abstieg in den Wahnsinn. Ein nihilistischer Ozean erhabener Ausdruckskraft; ein verzweifelter Chor, der gegen das Vergessen ankämpft und die Essenz von Schmerz und Hoffnung einfriert. "Weighing Souls With Sand" ist ein episches Ungetüm und mit seiner folternden, monumentalen Ästhetik der erbarmungsloseste und trostloseste Schrei in die Leere der 2000er Jahre. Den Kampf zwischen Licht und Schatten, zwischen Zerstörung und Schöpfung verlor der an Depressionen leidende Kris Angylus leider ein Jahr später und beging Suizid.

Dienstag, 11. November 2025

Soundgarden - Badmotorfinger

 
Soundgarden gingen mit ihrem großen Klassiker "Badmotorfinger" von 1991 einen anderen Weg als viele andere "Grunge"-Bands. Während die meisten ihrer Zeitgenossen ihre Energie auf Melancholie und Zurückhaltung konzentrierten, präsentierten sich Soundgarden laut, roh und technisch versiert und als ein tobender Vulkan im Herzen von Seattle. 'Rusty Cage' mit seinem zerrenden Gitarrenriff und dem höllisch intensiven Chris Cornell zeigt alles, was auf dem bereits prophetischen Vorgängeralbum angedeutet wurde. Cornells Falsett ist nun nicht nur wütend, sondern erhaben und gleicht einem ausgewachsenen Raubtier. Nachdem die Band mit ihrem phänomenalen Vorgänger die Welt noch nicht ganz erobern konnte, zeigt sie sich auf diesem legendären Meisterwerk entschlossener denn je; nicht nur zur Welteroberung, sondern auch dazu, sie in Schutt und Asche zu legen. Auf "Badmotorfinger" zeigt Kim Thayil seine überlegene Gitarrenarbeit in voller Bandbreite; von den brüllenden Riffs in 'Jesus Christ Pose' mit seinem brennenden Kreuzzug gegen Heuchelei bis zu den trippigen Soli in 'Room a Thousand Years Wide'. Die fantastische Rhythmussektion mit dem dominierenden und dirigierenden Matt Cameron am Schlagzeug, der sich hier als einer der besten Drummer der Rockgeschichte vorstellt, und Ben Shepherds pumpendem Bass, schafft eine gewaltige Basis aus donnernden Grooves und "polternden" Rhythmen. Das Album klingt wie ein dampfender Güterzug, der unaufhörlich vorwärtsdrängt. Die gesamte Band entfesselt auf dem Album eine niederdrückende Schwere, die bis heute beeindruckend geblieben ist. Kolossale Beben wie 'Outshined' und die gnadenlose Erdverkrümmung der Rockgeschichte, 'Slaves & Bulldozers', steigen aus dem Erdkern empor. Cornell dreht in dieser epischen Hymne völlig ab und bringt mich bis heute zum Schwitzen. Terry Date zeigt erneut seine goldenen Ohren und geschickten Knöpfchendreher-Hände und kleidet "Badmotorfinger" in eine makellose Produktion, die die bluthungrige Energie der Band ohne Kompromisse einfängt und einen erdrückend dichten Klang schafft. "Badmotorfinger" ist und bleibt in seiner ambitionierten Größe und mit seinem einzigartigen Spagat zwischen Hard Rock und "Grunge" nicht nur eines der besten Alben der Neunziger, sondern der gesamten Rockgeschichte.

Sonntag, 9. November 2025

Voivod - Phobos


Voivod haben sich 1997 mit "Phobos" mit beängstigender Konsequenz von jeder konventionellen Vorstellung von Metalmusik entfernt, und dennoch sind sie ganz bei sich selbst geblieben. Es ist das Werk einer Band, die sich längst von gewöhnlichen Maßstäben gelöst hat; ein klangliches Monstrum, geboren ebenso aus dem Geist industrieller Zersetzung wie aus der zerklüfteten Tektonik des Thrash, erstarrt in einer atmosphärischen Dichte, die beängstigend erdrückend wirkt. Mit "Negatron", das zwei Jahre zuvor erschien, hatte die Band bereits eine deutlich dystopische Richtung eingeschlagen. Doch mit "Phobos" gehen die Kanadier noch einen Schritt weiter.

Voivod zelebrieren auf "Phobos" eine radikale Abkehr von ihrer Vergangenheit, ohne diese je wirklich zu verleugnen. Der progressive Wahnsinn früherer Werke wie "Dimension Hatröss" ist hier immer noch spürbar, doch wurde er aufgelöst, fragmentiert, in seine Einzelteile zerlegt und in einer neuen, brutalistisch anmutenden Struktur wieder zusammengesetzt. Gitarrist Denis D'Amour spielt nicht mehr, er konstruiert. Seine Riffs sind keine klassischen Thrash-Salven mehr, sondern klingen wie fehlerhafte Schaltkreise, die in endlosen Feedbackschleifen auf sich selbst zurückgeworfen werden. Sie entfalten eine eigene, abstoßende Schönheit, weniger aus Harmonien als aus präzise gesetzter Dissonanz.

Der Sound von "Phobos" ist, anders als bei vielen anderen Alben dieser Zeit, kein Ergebnis überproduzierter Sterilität. Vielmehr wirkt alles kantig, unnahbar, wie mit dem Lötkolben zusammengehalten, und doch ist es ein durch und durch durchdachtes, bis ins letzte Detail kalkuliertes Konstrukt. Die abgehackten, maschinenartigen Drums agieren nicht mehr als treibendes Element, sondern als ständiger Widerstand, als Reibung. Der tief wummernde, metallische Bass und Eric Forrests gequälte Laute – ein halb mechanisches, halb verzweifeltes Röhren – rauben dem Album seine letzte Spur Menschlichkeit.

Dabei ist "Phobos" keineswegs frei von Emotion. Im Gegenteil. Es ist ein Album, das seine Gefühle nicht zeigt, sondern sie in verzerrte Sprachcodes und maschinelle Texturen übersetzt. Die emotionale Wirkung liegt tief in der Unzugänglichkeit, in der unbarmherzigen Kälte, mit der Voivod ihre Songs entwerfen. Besonders der Titelsong ist ein Paradebeispiel dieser emotionalen Abstraktion: ein zähes, sich windendes Konstrukt, dessen Struktur sich jeder vordergründigen Lesbarkeit entzieht und gerade durch seine Undurchdringlichkeit eine eigentümliche Faszination ausübt.

Die Band operiert hier mit einem hochgradig stilisierten, klinischen Vokabular, das jede Form klassischer Metal-Energie in eine neue, artifizielle Sprache übersetzt. Die Atmosphäre ist steril, posthuman, vollkommen synthetisch. Man denkt bei "Phobos" an verlassene Raumstationen, unterirdische Forschungseinrichtungen, technische Relikte einer untergegangenen Zivilisation.

Was Voivod mit "Phobos" letztlich geschaffen haben, ist ein Anti-Album im klassischen Sinne. Es gibt keinen Klimax, keine Befreiung, keine Identifikationsfigur. Nur Struktur, Textur, Repetition, Isolation. "Phobos" verweigert unmittelbare Emotionalität, Eingängigkeit, Identität und gewinnt daraus seine immense Kraft. Kaum eine (Metal)Band hat diese abstrakte, artifizielle Trostlosigkeit je so kompromisslos vertont wie Voivod auf diesem Album.

Samstag, 8. November 2025

Akercocke - Words That Go Unspoken, Deeds That Go Undone


Neben "Mezmerize" / "Hypnotize" gab es 2005 ein weiteres Album, das mich völlig unvorbereitet aus meiner Lederjacke geprügelt hat. Akercocke, die elegantesten Anzugträger des Extreme Metal, haben mit ihrem vierten Album "Words That Go Unspoken, Deeds That Go Undone" ein Werk geschaffen, das einem sakralen Ritualtanz zwischen Inferno und Himmel gleicht. Das Album ließ 2005 die Grenzen zwischen Black, Death und Progressive Metal schmelzen und offenbarte ein bis dahin unbekanntes Klangspektrum, das inmitten all der aberwitzigen Brutalität einen manischen Dämmerzustand heraufbeschwört. Die Band verzahnt rücksichtslos donnernde Blastbeats, diabolisches Growling und eine dichte, unheilige Atmosphäre und schafft zugleich ungewöhnlich viel Freiraum, wo eigentlich keiner sein sollte, für meisterhaft eingebaute melodische Passagen. Akercocke scheuen sich nicht, dissonante Riffs und atmosphärische Keyboardlinien, akustische Gitarreninterludien mit rasenden Black Metal-Ausbrüchen sowie hypnotische Rhythmen mit träumerischer Atmosphäre – fast in Richtung Post-Metal schielend – miteinander zu verweben. Die Produktion ist klar und kraftvoll, was der musikalischen Komplexität enorm zugutekommt; dadurch wird deutlich, wie sehr Akercocke ihr Handwerk verstehen: Trotz aller Brutalität verlieren sie nie die Finesse, ihre Songs organisch und mit erzählerischem Fluss aufzubauen.
Auch wenn ich mittlerweile den bereits grandiosen Vorgänger vorziehe, ist und bleibt "Words That Go Unspoken, Deeds That Go Undone" ihr Höhepunkt. Ein denkwürdiges, gleichermaßen komplexes wie zugängliches Meisterwerk im Extreme Metal.

Sonntag, 2. November 2025

Television - Marquee Moon


Als sich 1977 die musikalische Welt durch die Punkrevolte und die aufkommende New Wave veränderte, setzte Television mit ihrem legendären Debüt einen kurzzeitigen, kühlen und hell leuchtenden Blitz an den Himmel. "Marquee Moon" ist kein hektischer Punk und kein überambitionierter Art-Rock, sondern eine einzigartige Verschmelzung von Präzision und Energie. Die Gitarrenmeisterleistung von Tom Verlaine und Richard Lloyd bilden das Herzstück des Albums und präsentieren eine verführerische Choreografie aus ineinander verwobenen Melodien und kontrapunktischen Riffs. Der epische Titelsong entfaltet über zehn Minuten lang einen Soundteppich aus freigeistiger Improvisation, melancholischen Akkordwechseln, rhythmischer Raffinesse und einem schier unendlichen, atemberaubend präzisen Gitarrensolo. Dank seiner spartanischen und unheimlich effektive Produktion, der Klarheit aller Instrumente, Verlaines lakonischem Gesang und der instrumentalen Präzision ist dieser Klassiker auf Anhieb zugänglich, offenbart jedoch auch nach fast fünfzig Jahren unglaubliche Tiefen.

Samstag, 1. November 2025

The Chemical Brothers - Exit Planet Dust


"Exit Planet Dust" legte 1995 den Grundstein für das Big Beat-Zeitalter und zählt zu den denkwürdigsten elektronischen Alben der Neunzigerjahre. 50 Minuten purer Adrenalinschub in Albumform, ein energiegeladenes, bassgetriebenes Statement, das mechanisch präzise Beats mit Rockelementen zusammenschweißt und bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt hat.
Verspielte Acid House-Elemente kopulieren mit organischen, zähflüssigen Texturen, einer Prise Britpop und Breakbeats dominierenden Trips, die sich wie hypnotische Mantras ins Gehirn bohren. Das Album strahlt mit seinem anarchischen Ansatz den Duft verschwitzter Tanzflächen und ekstatischer Nächte aus.
Für mich, neben ihrem bereits vorgestellten Meisterwerk "Surrender" und dem ebenfalls großartigen Nachfolger "Dig Your Own Hole", das Manifest der Big Beat-Philosophie, ein Pionierwerk von unvorstellbarer Sprengkraft.

Sonntag, 19. Oktober 2025

Redshape - The Dance Paradox


Unter seinem maskierten Alter Ego Redshape hat der deutsche Produzent den Techno-Kosmos mit einem Werk bereichert, das tief in den Wurzeln des Genres verbunden ist und gleichzeitig unermüdlich nach neuen Horizonten strebt. Der Titel deutet bereits auf eine Spannung zwischen scheinbaren Gegensätzen hin – Tanz und Paradoxon, Struktur und Chaos, Vorwärtsdrang und Reflexion. "The Dance Paradox" präsentiert sich als dunkler, hypnotischer Tanz durch die Schatten einer Stadt, die niemals schläft, einer Metropole, die von glühender Energie und tiefen Untertönen der Melancholie durchzogen ist. Das Album ist ein Bastard aus Techno und introspektiver Klangforschung, das die Zeit als formbare Dimension begreift, die sich in den Songs dehnt und windet, als würde sie unter dem Druck eines unausgesprochenen, aber alles durchdringenden Dilemmas zerbersten. Redshape gelingt es, Techno nicht nur als Clubmusik, sondern als künstlerische Ausdrucksform zu präsentieren, die das Potenzial hat, einen auf mehreren Ebenen zu fesseln, körperlich, intellektuell und emotional.

Der Opener 'Seduce Me' zieht einen in eine stark nebulöse Klangwelt. Die tiefen, fast bedrohlichen Basslinien und die schemenhaften Synths schaffen eine düstere, aber zugleich verführerische Atmosphäre, der Song rahmt den musikalischen Inhalt treffend ein. 'Seduce Me' entwickelt sich langsam und nimmt sich Zeit, um seine hypnotische Wirkung zu entfalten, während die kraftvollen Drums einen unaufhaltsamen Rhythmus vorgeben. Redshape ist ein Meister der Spannungsbögen. Er fesselt die Aufmerksamkeit des Hörers ohne überflüssige Effekte; die Tiefe seiner Songs liegt in ihrer scheinbaren Simplizität und der Fähigkeit, aus wenigen gezielten Elementen eine dichte Klanglandschaft zu formen. Der Song bleibt in einer merkwürdigen Schwebe, als warte er auf einen entscheidenden Moment, der niemals wirklich kommt, eine Konstellation, die die Unberechenbarkeit dieses Albums von Anfang an prägt.

"The Dance Paradox" ist ein Werk, das über die üblichen Parameter der Techno-Ästhetik hinausgeht. Es sucht das Abseitige und Verborgene und bringt es in den Mittelpunkt von Raum und Klang. 'Man Out of Time' ist ein perfektes Beispiel für Redshapes Virtuosität im Umgang mit temporalen Brüchen. Der Song wirkt, als hätte er sich aus einer anderen Zeit in die Gegenwart geschlichen – die Synthesizer flirren retrofuturistisch, während der Beat schleppend, aber unaufhaltsam marschiert. Der Titel verweist nicht nur auf die menschliche Kondition, sondern auch auf den Zustand der elektronischen Musik selbst, die hier in ihrer reinen Form analysiert und seziert wird.

Redshape demonstriert auf diesem Album seine Zugehörigkeit zur Tradition der Techno-Giganten Detroits, wie Carl Craig und Juan Atkins, während er gleichzeitig eine düstere, introspektive Dimension hinzufügt. Was "The Dance Paradox" besonders bemerkenswert macht, ist nicht nur die musikalische Architektur, sondern auch die Art und Weise, wie es ein narratives Gefüge erschafft. Die Songs, die zunächst isoliert wirken, sind durch ein unsichtbares Netz miteinander verbunden, als würden sie eine Geschichte erzählen, die weder linear noch abgeschlossen ist.
Stücke wie 'Bound (Part 1 & 2)' oder 'Garage GT' sind perfekte Beispiele dafür, wie Redshape Klangtexturen miteinander verwebt. Die Songs scheinen zwischen den Polen von Auflösung und Struktur zu schweben: Einerseits zeigen sie die Präzision und Klarheit von Techno, während sie andererseits mit klanglichen Unschärfen und Brüchen arbeiten.

'Dead Space Mix (Edit)' bietet einen Moment der Ruhe, in dem die hektische Dynamik der Tanzmusik durchbrochen wird. Hier wird Stille zum dominanten Element, das den Raum zwischen den Klängen erfahrbar macht. Redshape legt hier eine Meditation über den Klang selbst vor, eine Art Techno-Philosophie, die in ihrer Abstraktheit sowohl verwirrend als auch faszinierend ist.
Die Songs sind nicht bloß Klangkonstrukte; sie sind "psychologische Räume", in denen man sich verlieren und wiederfinden kann. 'Globe' ist hierfür exemplarisch: Die repetitiven Sequenzen greifen wie Zahnräder ineinander und erzeugen ein hypnotisches Soggefühl, das einerseits Vertrautheit vermittelt, andererseits aber immer wieder unerwartete Wendungen nimmt, die einen aus der Komfortzone reißen. Der Song schwebt, zittert und entfaltet sich langsam, während die Drums wie ferne Trommelschläge durch den Raum driften. 

Besonders hervorzuheben ist Redshapes Umgang mit Raum und Stille. Pausen und Leerstellen werden meisterhaft genutzt, um die klangliche Spannung zu erhöhen. In einem Genre, das oft auf schiere Energie und Bewegung setzt, gelingt es ihm, Momente der Ruhe und Reflexion einzubauen, die einen zwingen, tiefer in den Klang einzutauchen. Das Album ist von einer unerbittlichen Dunkelheit durchzogen, die subtil inszeniert ist. Diese Dunkelheit hat mehr mit innerer Zerrissenheit als mit äußerer Bedrohung zu tun, eine Paradoxie, die sich auch in der Produktion widerspiegelt. Redshapes Klang ist präzise, scharf und beinahe chirurgisch, doch schwebt immer ein Hauch von Unvollkommenheit über den Tracks, als wolle er einen daran erinnern, dass Perfektion letztlich eine Illusion ist. Die Soundästhetik des Albums ist unglaublich faszinierend. Es werden Klangbilder erzeugt, die analog, organisch und beinahe greifbar klingen. Seine Basslines sind druckvoll und raumfüllend, seine Synthesizer oft warm, jedoch mit einem Hauch von Distanz. "The Dance Paradox" ist ein vielschichtiges, schwer zugängliches Album, das sich jedem schnellen Konsum verweigert. Es ist weniger eine Einladung zum Tanz als ein Rätsel, das es zu entschlüsseln gilt. "The Dance Paradox" zieht einen in seine tiefere Struktur, wo jede Bewegung und jedes Element bewusst platziert sind, um ein intensives und zugleich introspektives Erlebnis zu schaffen. Redshape hat einen Klangraum geschaffen, der sich zwischen den Extremen von Vergangenheit und Zukunft, Ordnung und Chaos bewegt. Dieses Werk zwingt einen, innezuhalten, nachzudenken und den eigenen Platz in dieser Klangwelt neu zu hinterfragen.

Samstag, 18. Oktober 2025

Magazine - Real Life


Als "Real Life" 1978 erschien, öffneten Magazine eine Tür zu einer völlig neuen Dimension des Punk. Unter der Leitung von Ex-Buzzcocks-Sänger Howard Devoto konzipierten sie mit ihrem Debüt ein Album, das nicht nur das Post Punk-Genre maßgeblich prägte, sondern auch seine Möglichkeiten in alle Richtungen ausdehnte. "Real Life" ist ein kühner Sprung ins Unbekannte; eine Verschmelzung von Punk-Energie, experimenteller Klangästhetik und anspruchsvollen Texten.
Hier treffen Punk-Aggression und Art-Rock-Intelligenz aufeinander, und das Ergebnis ist elektrisierend. Wabernde Synthesizer geben dem Ganzen eine schimmernde, futuristische Note, und 'Shot by Both Sides' kann nebenbei eines der besten Gitarrenriffs der 70er vorweisen. Die Band vereint auf dem Album klare, kraftvolle Songs mit klanglichen Experimenten – mal hymnisch, mal verstörend –, immer getragen von John McGeochs brillanter Gitarrenarbeit und einem knisternden Hauch von Glamour.
"Real Life" gehört nicht nur zu den besten Debütalben der Post Punk-Ära, sondern ist mit seiner Eleganz und visionären Intensität auch eines der innovativsten Alben der späten Siebzigerjahre.

Samstag, 11. Oktober 2025

The Lords of the New Church - The Lords of the New Church


"The Lords of the New Church", das gleichnamige Debüt der Supergroup um Stiv Bators (Dead Boys), Brian James (The Damned), Dave Tregunna (Sham 69) und Nick Turner (The Barracudas), gehört zweifellos zu den zeitlos und unberechenbar klingenden Alben der Achtzigerjahre. 1982 erschienen, vereinte es das lodernde Feuer des Punk mit der düsteren Romantik des Gothic Rock und traf mit seinem kunterbunten Gemisch aus zornigem Eifer, trübseligen Melodien und provokanten Texten genau den Nerv seiner Zeit; ein großartiges Gleichgewicht zwischen Punkschmutz und Gothic-Eleganz. Hier geht es nicht nur um drei Akkorde und rebellische Posen, das Album ist ein sorgfältig arrangierter, verdüsterter Ball zwischen Hoffnung und Dekadenz. 'Russian Roulette', mit seinem eingängigen Refrain, und 'Open Your Eyes', das bissig soziale Missstände kommentiert, stechen als Hymnen hervor, angetrieben von kantigem Gitarrenspiel und Bators' charismatischem Gesang. Das Album zeichnet sich insbesondere durch seine unverschämte Vielseitigkeit aus; es ist düster, ohne zu schwer zu wirken, rebellisch, ohne sich in Plattitüden zu verlieren, und melodisch, ohne an Schärfe einzubüßen. Jeder Song wirkt wie ein Teil eines größeren Puzzles, das einen zu einem Tanz auf den Trümmern der Gesellschaft einlädt. "The Lords of the New Church" ist betörender Punk, ernstzunehmender Gothic Rock und alles, was dazwischenliegt – eines der markantesten und melodischsten Düsteralben der Achtziger.

Freitag, 10. Oktober 2025

Mr. Bungle - Mr. Bungle


Mike Patton muss sich bei Faith No More Anfang der Neunzigerjahre so gelangweilt haben, dass er mit seiner anderen Band unbedingt diese notwendige wilde, bizarre und chaotische Fieberfantasie erschaffen musste; eine surreale Klangcollage, die alles gleichzeitig sein will: Funk, Metal, Jazz, Ska, Zirkusmusik und purer Wahnsinn. Das Album ist eine wilde Mescalin-Polka im prolligen Autoscooter, die ständig zwischen groovenden Bassläufen, schreienden Gitarren und Pattons grenzenloser vokaler Bandbreite anrempelt; von flüsternder Verführung über manisches Schreien bis hin zu absurden Stimmimitationen. Ein Gestörten-Mosaik aus Stilen, bewaffneten Clowns mit Kettensägen und vielfältigen Einflüssen, das trotz seiner schieren Überforderung auf wundersame Weise zusammenhält. Für die Produktion dieser freudigen Kakophonien war natürlich John Zorn verantwortlich, selbst ein Meister des musikalischen Wahnsinns. Er bringt die Exzentrizität der Band perfekt zur Geltung; jeder schräge Ton und jede absurde Wendung wird betont, ohne dass das Album seinen anarchischen Charakter verliert. Eine wunderbare, schräge Zirkusvorstellung, ziemlich einzigartig in den Neunzigern in seinem kompromisslosen, grotesken und faszinierenden Albtraumszenario und so schön verstörend wie brillant.
Dieses Album ist übrigens die perfekte musikalische 1:1-Übersetzung meines geistigen Zustands, meiner Gedankenprozesse und Hirnaktivitäten, wenn ich beruflich in sinnlosen, zeitvernichtenden Meetings sitze und überzeugend simuliere, anwesend zu sein.

Dienstag, 7. Oktober 2025

Swans - Cop

Ja, Swans, schon wieder. Es muss einfach sein. Die mittlere und spätere Phase habe ich hier ja bereits versucht abzubilden (natürlich nicht mit allen Alben, da werde ich ja nie fertig und irre dabei), doch es klafft noch eine Lücke dieser Legende, die unbedingt gefüllt werden muss: die absolute Finsternis ihrer Anfangsphase. Die frühen Jahre waren richtig übel, und auch der eigentliche Grund, warum diese Band so hoch angesehen wird. Keine Frohnaturmusik. Also toll.

1982 tauchten Swans auf wie ein Dämon aus dem New Yorker Untergrund. Kein Klang, keine Szene, kein Genre war danach mehr unversehrt. Ihr Erscheinen hinterließ Narben, tiefe, klaffende Wunden in Noise, Industrial, Doom, Avantgarde, selbst in Post-Rock und Ambient. Und die bluten bis heute.

Am Anfang gab es nur Beton, Blut, Maschinen. Swans wollten nicht töten, sie mussten. Ihre erste Platte, "Filth", war nichts weniger als eine dreckverkrustete Abrissbirne. Alles daran schrie nach Ablehnung, von Schönklang, von Struktur, von Sinn. Es war Rockmusik, wenn man dem Wort all seinen Sex, seine Melodie, seine Pose entzieht, und nur noch das Fleisch und das Stöhnen übrig lässt. Hier wird gearbeitet. Geschwitzt, geschunden, geschrien. Musik, die nicht fragt, ob sie willkommen ist. Musik als Zwangsarbeit. Verstümmelter Rock, ohne jede Reue. Doch das war nur die Skizze.

Mit "Cop" kam die totale Verweigerung. Alles, was auf "Filth" noch zuckte oder atmete, wird hier in Beton gegossen. Die Reduktion auf den nackten, schmerzenden Nerv. Wenn "Filth" schon radikal war, dann war "Cop" die stumpfe Rasierklinge, die langsam und sorgfältig durch das letzte bisschen Hoffnung fuhr. Die Drums klangen wie Titanenschritte in Zeitlupe; unerschütterlich, unbeweglich, ein Panzer aus Blei, der exekutiert. Die Gitarren spielten keine Töne, sondern schleppten Lasten, waren mehr Masse als Klang, sie klangen nach Betonmischern, nach Eisen, nach Maschinen, die sich weigern zu sterben. Alles war rhythmisch, aber nicht lebendig; es pumpte, ohne zu atmen. Der Bass schiebt einen einfach in den Boden, ohne zu fragen, ob man mitkommen möchte, und zieht sich wie ein Stahlseil, schwer gespannt, kurz vorm Zerreißen, durch die Kompositionen. Und diese Pausen. Diese unbequemen, schmerzhaft langen Leerstellen zwischen den Einschlägen, hier zerstört auch das Warten. Ein Requiem für alles, was jemals leicht, beschwingt oder gar optimistisch geklungen hat. 

Was hier passierte, war keine Fantasie, kein psychedelisch flackernder Höllentrip, kein Teufel-Kitsch. Es war Realität. Eine kalte, industrielle, antihumane Realität. Keine Versöhnung. Keine Romantik. Kein Fluchtpunkt. Es war Schmerz als Zustand, nicht als Gefühl. Eine Dokumentation des Elends in Echtzeit, während alles in einem schreit, wegzurennen.

Michael Gira klang, als würde er nicht mehr singen, sondern nur noch berichten. Von innen. Von einem Ort jenseits des Zorns. Er hat das Klagen längst hinter sich gelassen. Seine Stimme ist ein leergefressener Raum, dem selbst das Atmen zuwider geworden ist. Sie trägt keinen Trost. Sie trägt nichts. Kein Licht, keine Richtung. Nur einen Blick, leer und absolut. Seine Texte sind klinisch, dokumentarisch, grausam. Polizeigewalt, Entmenschlichung, Sucht, Ausbeutung, systematische Erniedrigung. Kein Satz enthält Trost. Kein moralischer Appell. Kein Ausweg. Nur das "So ist es". So sieht es aus, wenn du die Welt nicht mehr beschreiben willst, sondern sie sezierst. Es gibt keine Refrains. Keine Reißverschlussmomente zum Durchatmen. Nur eine kalte Wand, die nicht zusammenbricht. Diese schonungslose Direktheit war nicht nur schockierend, sondern auch verstörend ehrlich. Giras Stimme war das Medium, durch das sich die toxische Realität ihren Weg suchte, ein sprechendes Abflussrohr für die Abgründe, die die Gesellschaft lieber ignorierte. Eine erschütternde Chronik des Niedergangs. Jeder Atemzug, jeder verhallende Ton dieser präzisen Poesie des Grauens schien die unsichtbaren Wunden der Welt bloßzulegen, ohne das geringste Anzeichen von Mitgefühl oder Bedauern.

Dieses Werk war kein Produkt, das sich analysieren oder nachbauen ließ. "Cop" war kein Stil, kein Genre, keine Schule. Es war ein Zustand. Ein Extrem. Die totale Abwesenheit von Form und Richtung. Eine emotionale Grenzerfahrung, eingefroren in Lärm und Verachtung. Eine tieffrequente, furchtbare Ruhe; ein Dröhnen, das wie eine Leiche im Raum liegt.

Und was viele an der Oberfläche für rohe Gewalt hielten, war in Wahrheit Kontrolle. Ein völliges Bewusstsein über das, was man da tut. Keine Effekthascherei, keine pubertäre Wut, sondern kaltes, kalkuliertes Auslöschen. Von allem. Es war die Präzision eines Henkers, der sein Handwerk versteht. Die absolute Dominanz über Klang und Ausdruck, die hier zelebriert wurde.

"Cop" ist ein Album, das unentwegt auf einen einprügelt, wenn man schon am Boden liegt, noch auf einen eintritt, ständig hochgezogenen Schleim darniederspuckt, und einem dann langsam die Hand auf die Schulter legt und sagt: "Du bist nichts."

Montag, 6. Oktober 2025

The Stranglers - Rattus Norvegicus


Von Anfang an hielten sich The Stranglers nicht an die ungeschriebenen Regeln des Punk; "Rattus Norvegicus" entzog sich allen Erwartungen und präsentierte sich mit seiner düsteren, fast theatralischen Atmosphäre als eine ganz eigene Definition von Punk. Ihr erstes Album ist ein rebellisches, bissiges, sarkastisches und zugleich erstaunlich musikalisches Werk, das bis heute als eines der faszinierendsten Debüts der britischen Musikszene gilt. The Stranglers machen auf diesem Album unmissverständlich klar, dass sie gekommen sind, um die Punk-Szene mit einem dreckigen Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Virtuosität aufzumischen. Hugh Cornwells sardonischer Gesang und seine oft zynischen Texte, die unverkennbaren Keyboard-Eskapaden von Dave Greenfield mit ihrer barocken Eleganz sowie die treibende Rhythmussektion mit Burnels schnarrendem Bass, hier passt alles zusammen; die Songs sind scharf, bissig und überaus klangvoll. Das Album zelebriert mit straßenköterhafter Respektlosigkeit und instrumentaler Raffinesse, angetrieben von lasziven Bassläufen, eine wilde Symbiose aus Punk-Attitüde, psychedelischen Elementen, progressiven Arrangements und einem Hauch von Pubrock. Der gewollte Kontrast zu den ausgeklügelten Melodien wird durch die stetig vorhandene, wohlüberlegte Räudigkeit und die Bissigkeit der Texte verstärkt. "Rattus Norvegicus" ist herrlich experimentierfreudig, ohne den Faden zu verlieren, bietet genügend Raum für Intelligenz, eigenwillige Musikalität und subtile Provokation und war damals eine spöttische Offenbarung für die Weiterentwicklung der Punk-Wurzeln.

Sonntag, 5. Oktober 2025

Tubeway Army - Replicas


Das wegweisende Werk, das den Übergang von Punk zu Synthpop markierte und dabei den Grundstein für den späteren Elektropop legte.
Futuristisch und düster – inspiriert von der Science-Fiction-Literatur Philip K. Dicks und geprägt von Numans Faszination für Isolation, Maschinen und die dunklen Seiten der Menschheit – entfaltet sich dieses Album zu einer kalten, faszinierenden Klangkapsel. Auf dem Album dominiert der Synthesizer, der bei Veröffentlichung 1979 immer noch ein recht exotisches Werkzeug war. Numans Minimoog verleiht dem Album eine kalte, mechanische Architektur, die durch die stoischen Basslinien von Paul Gardiner und die prägnanten, minimalistisch gehaltenen Gitarrenparts perfekt ergänzt wird. Jess Lidyard sorgt mit seiner präzisen, maschinellen Spielweise am Schlagzeug dafür, dass die Arrangements ebenso kühl wie effektiv wirken. Der Sound zieht einen in eine sterile, anti-utopische Zukunft. 'Are 'Friends' Electric?' verbindet eine unheilvolle Synthesizer-Melodie mit Numans robotisch-emotionsloser Stimme und transportiert eine verstörende Atmosphäre, während 'Down in the Park', eine düstere Vision von Kontrollverlust und Überwachung, durch seine klangliche Zurückhaltung umso eindringlicher wirkt. Die Texte sind durchzogen von futuristischen Bildern und existenziellen Fragen, während Numans monotone, entmenschlichte Stimme dem Ganzen eine zusätzliche Dimension verleiht, als wäre er längst selbst Teil der Maschinen geworden, über die er singt. 'Replicas' ist ein klinisch-steriles Meisterwerk seiner Zeit, das trotz seiner kalten Ästhetik einen warmen Kern beherbergt und zu den Wurzeln der modernen elektronischen Musik gehört.

Anacrusis - Screams and Whispers


Das 1993 veröffentlichte "Screams and Whispers" stellt für mich den Höhepunkt im Schaffen von Anacrusis dar und gilt bis heute als beeindruckendes Ausrufezeichen in der Welt der progressiven Metallverarbeitung, kurz bevor die Band ihre Laufbahn beendete.
Ihr viertes und letztes Studioalbum ist eine spektakuläre Allianz aus Thrash, Progressive Metal und atmosphärischen Elementen, die sich deutlich von den Veröffentlichungen ihrer Zeit abhebt. Die Band um Sänger und Gitarrist Kenn Nardi zeigt sich hier in ihrer ausgefeiltesten und ambitioniertesten Form. Die Arrangements sind vielschichtig, emotional und stets unvorhersehbar; thrash-typische Riffs treffen auf melancholische Melodien, stimmungsvolle ruhige Passagen auf explosive Ausbrüche, ein großartiges Spiel zwischen Chaos und Struktur.
Besonders bemerkenswert ist der Einsatz von Nardis Stimme, die von aggressiven Schreien über eindringlichen Klargesang bis hin zu fast geflüsterten Passagen reicht und einen direkt in die emotionalen Abgründe der Texte zieht. "Screams and Whispers" ist ein melancholisches Denkmal für eine Band, die ihrer Zeit weit voraus war, und bis heute eines der beeindruckendsten Werke, um zu demonstrieren, wie fantastisch anspruchsvoller Metal tatsächlich sein kann, ganz ohne Doktortitel und wichsverklebte Hände der Musiker.
Die Produktion von "Screams and Whispers" ist für ein Album dieser Ära erstaunlich klar und facettenreich. Die Band erschuf damit ein Klangbild, das die emotionale Intensität ihrer Musik präzise einfängt, ohne die technische Finesse zu überlagern. Jedes Instrument hat seinen Raum, und die Dynamik zwischen den ruhigen und kraftvollen Momenten wird meisterhaft in Szene gesetzt.
Dieses Album ist kein einfaches Hörerlebnis; es verlangt Aufmerksamkeit und Hingabe, belohnt jedoch mit einer musikalischen Reise, die sowohl emotional als auch intellektuell befriedigt. "Screams and Whispers" ist nicht nur ein Höhepunkt im Schaffen von Anacrusis, sondern auch ein unverzichtbares Werk für Liebhaber anspruchsvoller Metal-Klänge.

Mittwoch, 1. Oktober 2025

Nick Drake - Bryter Layter


Sein 1970 veröffentlichtes zweites Album besticht durch zarte Schönheit, melancholische Anmut und zeitlose Eleganz.
Während sein Debüt noch sehr verschlossen und in sich gekehrt war, öffnet sich Drake hier; seine Arrangements schwelgen in Üppigkeit, die Songs erstrahlen in Klarheit, und ein zarter Optimismus durchdringt seinen ansonsten trübsinnigen Sound. "Bryter Layter" entführt in eine Welt aus pastoralem Folk, sanftem Jazz und feinsinniger Orchestrierung. Robert Kirbys Streicher- und Bläserarrangements verschmelzen mit Drakes fantastischem Gitarrenspiel zu einer Klangtextur zwischen Nostalgie und zeitloser Moderne.
"Bryter Layter", zu Lebzeiten verkannt, reifte über die Jahrzehnte zu einem großen Klassiker. Es offenbart eine überraschende Leichtigkeit, als schwebe Drake durch die Straßen Londons, während seine samtene, fast flüsternde Stimme seine poetischen Texte mit intimer Vertraulichkeit umhüllt. Auf seinem vorletzten Werk verzichtet Drake auf große Gesten und entfaltet seine volle Magie in den stillen Momenten.

Sonntag, 31. August 2025

Underworld - Dubnobasswithmyheadman


Underworlds "Dubnobasswithmyheadman" ist ein bedeutendes Album der elektronischen Musik aus den Neunzigerjahren. Es zählt für mich zu den revolutionärsten Werken der elektronischen Musik und gilt bis heute als Inbegriff dieser Ära. Das Album markierte Underworlds Aufstieg zu den Giganten der elektronischen Szene und bietet mit seiner breiten Aufstellung eine Schnittstelle zwischen Techno, House, Ambient und Pop.
"Dubnobasswithmyheadman" ist verführerisch und voller Versprechen; bebend mit seinen betörenden Netzen aus tiefen Basslinien, verträumten Melodien, treibenden Rhythmen und euphorischen Synthesizer-Explosionen. Neben der mitreißenden Energie sind es die charakteristischen, flüsternden und kryptischen Vocals von Karl Hyde, die sich durch die Songs schleichen.
Auch die fantastische Produktion besticht durch Klarheit und Präzision, offenbart ständig subtile Details und entwickelt sich wie ein lebender Organismus. Keine nächtlichen Eskapaden in den Neunzigern wären ohne dieses Meisterwerk bei mir vorstellbar.

Donnerstag, 21. August 2025

Cortex - Spinal Injuries


Inmitten der europäischen Underground-Szene der frühen 1980er Jahre veröffentlichten die schwedischen Post Punker Cortex ihr Debütalbum "Spinal Injuries", ein düsteres, dezent verstörendes und hypnotisches Werk, das bis heute zu den verborgenen Kostbarkeiten des Post Punk zählt. Unter der Leitung von Freddie Wadling, einem faszinierenden Künstler der schwedischen Musiklandschaft, entstand ein raues und ungeschliffenes Album, das mit seinem morbiden Charme und seiner Authentizität mein Herz höherschlagen lässt. Cortex greifen Elemente des Post Punk, Goth Rock und (experimentellen) New Wave auf und verschmelzen diese zu einem einzigartigen, schrulligen Klangbild, das von Wadlings eigenwilligem, betörendem und zugleich verzweifelt klagendem Gesang sowie den spartanischen, aber eindringlichen Instrumentalarrangements getragen wird. In dieser melancholischen, atmosphärischen Dichte, die weniger dunkel wirkt, als man vermuten könnte, verwandeln sich minimalistische Strukturen – getragen von repetitiven Gitarrenlinien, einem ständig pumpenden Bass und stillen Keyboards – in emotionale Abgründe, die eine hypnotische Wirkung entfalten. Die Songs sind düster-manische Hymnen, die sowohl textlich als auch musikalisch den tiefen Nihilismus der frühen 80er-Jahre eindringlich einfangen. "Spinal Injuries" verkörpert die Trostlosigkeit und Kreativität dieser Ära und zeichnet sich durch seine ungekünstelte Intensität und emotionale Tiefe aus.

Montag, 18. August 2025

Goblin - Profondo Rosso


"Profondo Rosso" vertont meisterhaft die Essenz des cineastischen Horrors und gilt als einer der größten Triumphe von Goblin. Ihr Meisterwerk aus dem Jahr 1975, das als Soundtrack zu Dario Argentos gleichnamigem Film entstand, ist ein prägendes Werk des italienischen Progressive Rock der Siebziger.
Der charakteristische Sound von Goblin, durchflutet von düsteren, hypnotischen und unheilvollen hektischen Synthesizern, angejazzten und treibenden Schlagzeuggrooves und prägnanten verschwitzten tänzelnden Bassfiguren, ist in seiner fiebrig roten Albtraum-Atmosphäre so unheimlich, dass man ständig fürchten muss, ein Mahr könnte jederzeit aus dem Klangbild auftauchen.
Goblins Fähigkeit, Spannung und Dramatik musikalisch umzusetzen, ist bereits hier in Vollendung zu hören; die Mischung aus Jazz-Elementen, progressiven Riffs und sphärischen Keyboard-Klängen verleiht dem Album eine Dynamik, die weit über das hinausgeht, was man gemeinhin unter Italoprog versteht.
Das Album ist ein Paradebeispiel für einen harmonischen Reigen unterschwelliger Bedrohungen in den ruhigeren Passagen und der fieberhaften Dramatik intensiverer Songs. Goblin haben sich eine eigene großartige Klangwelt mit ikonischem Sounddesign erschaffen und gehören nach wie vor zu den unverzichtbaren Erlebnissen, wenn man sich durch die Siebziger gräbt.

Freitag, 15. August 2025

Gluecifer - Automatic Thrill


Das 2004 veröffentlichte "Automatic Thrill" markierte den Schwanengesang von Gluecifer, meine Lieblingsschweine der skandinavischen Hard Rock-Welle aus den Neunzigern; ein letztes, donnerndes Statement, das die Essenz ihrer Musik erneut auf den Siedepunkt brachte. Das Album ist ein Hochgeschwindigkeits-Trip durch verrauchte Clubs mit schmuddeligen Bühnen; ein rotzig und selbstbewusster Faustschlag mit Lederjacke und Sonnenbrille.
Der wuchtige Gitarrensound, irgendwo zwischen punkiger Deutlichkeit und asozialem, leicht stadiontauglichem Hard Rock, dient als Katalysator für die treibenden Songs, die mit ihrer unnachgiebigen Energie ständig eine bevorstehende Detonation erzeugen. Biff Malibu führt das dreckige Treiben mit seiner schmierigen, kraftvollen Stimme an, wie ein charismatischer Draufgänger.
Das Songwriting auf "Automatic Thrill" ist scharf wie ein frisch geschliffenes Klappmesser. Gezielte Bombenabwürfe wie 'Shaking So Bad', 'A Call from the Other Side' und 'Here Come the Pigs' füllen jedes vernünftige Rockfan-Ohr mit Napalm. Der geschickte und nie zum Selbstzweck verkommene Umgang mit Groove sowie das unverschämte Talent, eingängige Songs zu schreiben, zeigen das Charisma der Band, die neben Tempo auch Stil zu bieten hat.
Ihre letzte große Feier des Rock lässt trotz der lauten, rauen und ungezähmten Energie unerwartete Melodiösität durchschimmern.

Mittwoch, 13. August 2025

Talk Talk - Laughing Stock


Mark Hollis, der mit "Spirit of Eden" bereits in experimentelle Gefilde vordrang und sein Pop-Kostüm ablegte, vollendete hier sein kompromissloses Streben nach künstlerischer Wahrhaftigkeit: seine Vision eines introspektiven, spirituellen und lebendigen Klangraums. Vorsichtig angeschlagene Gitarren, atemlose Trompeten und Hollis' schwebende Stimme, die zwischen Flüstern und Gesang schwankt, schaffen im Opener 'Myrrhman' eine Atmosphäre von zerbrechlicher Intensität. Die Band fusioniert Jazz, Post Rock und Kammermusik zu minimalistischen, tiefgründigen Kompositionen. Anstelle kommerzieller Zugeständnisse oder konventioneller Strukturen durchzieht eine organische Dynamik das Album. Die charakteristischen Momente der Stille wirken nicht wie Pausen, sondern wie bedeutungsvolle Areale voller Resonanz, jedes Knarzen und Zittern der Instrumente wird auf "Laughing Stock" greifbar. "Laughing Stock" war 1991 ein wegweisendes Album, ein musikalisches Panorama von revolutionärer Tragweite. Mit seiner dogmatischen Kopplung unterschiedlichster Klangzonen zu einem atmosphärischen Gesamtwerk voller Emotionen wurde es zur zentralen Wegmarke des Post Rock.

Donnerstag, 7. August 2025

Queen - Sheer Heart Attack


"Sheer Heart Attack" hob Queen 1974 endgültig aus dem Schatten der aufstrebenden Bands und etablierte sie als eine der innovativsten und faszinierendsten Rockbands ihrer Zeit. Dieses dritte Studioalbum (Wahnfakt: sieben Sprengkörper innerhalb von nur fünf Jahren gezündet) markiert einen Wendepunkt in der Karriere der Briten und vereint den bombastischen Charme ihres Debüts mit der stilistischen Vielfalt, die später ihr Markenzeichen werden sollte. 'Brighton Rock' demonstriert die technische Virtuosität der Band und gibt einen Vorgeschmack auf die kreative Energie, die das gesamte Album durchdringt. "Sheer Heart Attack" zeigt sich stilistisch als Chamäleon: von Hard Rock ('Now I'm Here') über theatralische und dramatische Elemente ('Lily of the Valley') bis hin zu beinahe kabarettistischen Eskapaden wie 'Bring Back That Leroy Brown'. Queen demonstrieren hier eine beeindruckende Bandbreite, ohne den roten Faden zu verlieren. Die Produktion ist dicht und opulent, ein frühes Zeugnis für die Ambitionen der Band, das Studio als eigenständiges Instrument zu begreifen.
Ein Höhepunkt ist das unvermeidlich mitreißende 'Killer Queen', das eine perfekte Balance aus Glamour, Ironie und musikalischer Präzision bietet. Nicht umsonst zählt dieser Song zu den größten Hits der Band und zeigt Freddie Mercury in Höchstform, sowohl als Sänger als auch als Songwriter. Darüber hinaus sticht das epische 'In the Lap of the Gods' hervor, das mit seinen ausladenden Chören und bombastischen Arrangements einen Vorboten für spätere Großtaten darstellt. Die oft unterschätzten Rhythmen von Roger Taylor und John Deacon sind hier tighter und kreativer denn je, und das Zusammenspiel aller vier Mitglieder zeigt auf diesem Werk eine einzigartige Synergie, die Queen ausmacht. "Sheer Heart Attack" lebt von seiner unbändigen Lust am Experimentieren und weigert sich konsequent, sich auf ein Genre festzulegen.
Ein energiegeladenes, innovatives und schlichtweg brillantes frühes Meisterwerk, das einen faszinierenden Blick auf die musikalische Meisterschaft von Queen bietet und die Weichen für ihren späteren Welterfolg stellte.

Montag, 4. August 2025

The Meads of Asphodel - The Murder of Jesus the Jew


Das 2010 veröffentlichte Werk ist ein aberwitziges Konzeptalbum, das sich mit der historischen und religiösen Figur Jesus auseinandersetzt, eingebettet in einen theologischen, philosophischen und politisch aufgeladenen Kontext. Doch keine Sorge: Trotz der schwerwiegenden Thematik bleibt das Album ein musikalisches Spektakel voller Absurdität, Kreativität und schwarzem Humor. The Meads of Asphodel überschreiten hier sämtliche Genregrenzen. Black Metal bildet zwar die Basis, doch schon der erste Song 'My Psychotic Sand Deity' zeigt, dass hier alles erlaubt ist; von sakralen Chören über folkige Einflüsse, Bläser und thrashige Riffs bis hin zu psychedelischen Ausbrüchen und einem unnormal fragilen, völlig unerwarteten Mittelteil, vorgetragen von einer sich auflösenden weiblichen Engelsstimme und von epischen Leadgitarren zum Licht geführt. Es entsteht ein kaleidoskopischer Wirbelsturm aus Stilen und Ideen, die scheinbar unzusammenhängend wirken, aber auf wundersame Weise ein zusammenhängendes Ganzes ergeben. 'Addicted to God' ist eine bitterböse Satire mit hymnischen Refrains, treibenden Riffs und wütenden Vocals. Auch hier wird man von einer abnormalen kreativen Verrücktheit im Mittelteil überrumpelt; plötzlich ertönt ein ketzerisches, Monty Python-artiges Musical in seiner ganzen grotesken Tragweite. Textlich ist das Album ebenso provokant wie die Musik. The Meads setzen sich kritisch mit Religion, Dogmatismus und der historischen Figur Jesus auseinander, ohne den Anspruch auf eine absolute Wahrheit zu erheben. Stattdessen laden sie dazu ein, bestehende Geschichte zu hinterfragen und eigene Perspektiven zu entwickeln. Die Texte sind intelligent, bissig und bieten eine faszinierende Mischung aus Geschichtswissen, Ironie und bitterem Sarkasmus. "The Murder of Jesus the Jew" ist alles andere als leicht verdaulich, weder musikalisch noch inhaltlich. Es ist ein wilder, respektloser, fordernder und teilweise verstörter Streifzug durch die schrägen Visionen der Band.