Es gibt viele kleine und große Geschichten, die wohl jeder richtige Musikfan zu erzählen vermag. Momente der Erfahrungen, der unersättliche Drang nach Neuentdeckungen, einzelne Werke von unermesslichem Wert, die zur persönlichen "Entwicklungshilfe" maßgeblich beigetragen haben, Gefühlsausbrüche, geschuldet durch musikalische Emotionen, die mit nichts im Leben zu vergleichen sind. Weinende und schon fast schmerzende Begeisterung, an die Zeit gebundene Erinnerungen und Ereignisse, mit denen man eine Beziehung für das ganze Leben eingeht.
So ein Zeitstempel, ein grober Einschnitt in meinem Dasein als Musikschwamm, wurde mir – ich weiß es noch ganz genau – im Oktober 2003 mit der DVD von "Rush in Rio" wie ein Brandzeichen ins Herz mit einem Brenneisen hineingeschmorrt. Ich kannte weder die Band, noch hatte ich vorher irgendwelche Songs (unbewusst) gehört. Ich bin aber immer wieder in meiner aktiven Zeit als Rock Hard-Leser über Artikel und immer leicht versteckte Berichte zu den älteren Alben der Band gestolpert. Das hat mich dann so neugierig gemacht (es hieß in jedem Bericht, dass Rush die beste Band der Welt ist, dass ihre Musik unbeschreiblich ist, weil man es selbst hören muss, dass die Musiker nicht menschlich seien, dass es nur Meisterwerke in der Diskografie zu bestaunen gäbe – bei solchen Aussagen war ich (mittlerweile) immer sehr vorsichtig, aber bei dieser Band kam die Euphorie gefühlt von der gesamten Redaktion, und ich befand mich sowieso gerade in meiner "Neufindungsphase"), dass ich mir direkt zur Veröffentlichung von "Rush in Rio" die DVD ohne Rücksicht auf Verluste gekauft habe.
Tja, was soll ich sagen? Wenn ich richtig überlege, dann ist diese DVD, dieses Live-Dokument, so ziemlich der einzige Zauber, der für mich die gleiche Magie entfacht wie ein "P.U.L.S.E". Jubelnde Menschenmassen, tosende Begeisterungsstürme und dann knallte mir der Eröffnungssong 'Tom Sawyer' entgegen. Wie ich mich immer noch an diese ersten Minuten, die nun auch schon fast 11 Jahre wieder her sind, erinnern kann – als ob es gerade eben erst passiert ist. Dabei hatte ich doch "nur" das Schlagzeug und diesen tiefgrummeligen Überdruck des Basspedals verschlungen. Ich flutschte ein zweites Mal in meinem Leben durch den Geburtskanal und erstarrte für über zwei Stunden vor dem Bildschirm.
Über die Songs möchte ich gar nicht erst groß schreiben, nur so viel: Bei dem Instrumental "La Villa Strangiato" musste ich weinen, bei "Red Sector A" habe ich komplett den Glauben verloren, das Drumereignis "O Baterista" hat mir die Logik aus meinem Hirn entfernt, "The Trees" hat mir reine Schönheit geschenkt, ich wurde bei "Distant Early Warning" so unfassbar gut unterhalten, "Limelight" war bereits beim Erstkontakt einer der großartigsten Rocksongs unserer Zeitrechnung, und "By-Tor and the Snow Dog" ist wohl der coolste Song, den Rush je geschrieben haben.
Man könnte kritisieren, dass '2112' nur in einer sehr mageren Version präsentiert wird (für mich genau die richtige Länge), dass 'Cygnus X-1', schließlich einer der besten Songs aus der 70er-Ära, eigentlich nur kurz angespielt wird (läuft aber im Kontext der Zugabe und ist somit vertretbar) und sträflicherweise "Power Windows", das großartigste Rush-Werk in meinen Ohren, fast komplett umgangen wird.
Rückblickend ist "R30" in allen Belangen natürlich um Welten besser. Allerdings fehlt mir dort die Spontanität, die Echtheit, das unverfälschte Live-Feeling, der Ecken- und Kantensound und die Begeisterung im Publikum. "Rush in Rio" hatte eine ganz spezielle Wirkung auf mich; diese Veröffentlichung war der Auslöser dafür, dass ich in den folgenden drei Monaten alles in Bewegung gesetzt habe, um mich mit dem vollständigen Katalog der Band einzudecken.
Heute höre ich Rush eigentlich nur noch ziemlich selten, aber wenn, dann immer wieder mit der gleichen Freude und dem Genuss wie am ersten Tag – meistens dann auch mehrere Alben hintereinander. Ein Leben ohne "Hemispheres", "Grace Under Pressure", "Moving Pictures", "A Farewell to Kings" oder "Signals" könnte ich mir gar nicht mehr vorstellen.
Dienstag, 20. Oktober 2015
Rush - Rush in Rio (DVD)
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